Alles beginnt mit einer Wette.
Zwei galicische Männer, beide Winzer, sitzen mit Freunden zusammen im kleinen Ort Cambados.
Bernardino, er hat einen kleinen Weinberg, behauptet, sein Wein sei besser als der von Ernesto, der ein großer Weinproduzent ist.
Es handelt sich um den klassischen Weißwein der Region Rías Baixas, den Albariño. Ernesto ist der Meinung, dass sein Wein der beste der Region ist.
Da man nach längerer Diskussion zu keinem Ergebnis kommt, beschließen die Freunde, den Wein selbst entscheiden zu lassen.
Jeder Winzer soll seinen Wein mitbringen und man werde eine Jury entscheiden lassen.
Am 28. August 1953 findet somit die erste Weinverkostung statt, an der neun Winzer teilnehmen. Natürlich will ich wissen, wessen Wein nun der bessere war.
Wie so oft, wenn zwei sich streiten, freut sich ein dritter und das ist José Rodiño Oubiña, dessen Albariño aus Carballás stammt.
Von nun an trifft man sich jedes Jahr zur Weinverkostung, weil es so schön und gemütlich war. Mit jedem Jahr wird die Veranstaltung größer, immer mehr Winzer wollen daran teilhaben.
Schon in den 1960er Jahren wird daraus ein Volksfest für die ganze Bevölkerung von Cambados. Jetzt kommen öffentliche Umzüge dazu, Tanzveranstaltungen und Jahrmarktsgeschäfte.
Das Fest des Albariños zieht immer mehr Besucher an, zunächst aus Galicien, dann aus ganz Spanien und schließlich aus aller Welt.
Die Stadt Cambados erhält den Titel „Villa del Albariño“.
Jährlich am ersten Wochenende im August verwandelt sich Cambados in eine große Open-Air-Bühne mit zehntausenden Besuchern, Prominenten, Politikern und in diesem Jahr uns – den Pèlerins.

Am Sonntag, dem letzten Tag des Events, stürzen wir uns ins Getümmel. Es ist mächtig viel los und wir müssen uns einen Weg durch die Menge bahnen.
Auf der historischen Praza de Fefinans, einem Platz vor einen prächtigen galicischen Adelspalast, versammeln sich Menschen in unterschiedlichen traditionellen Gewändern.
Wir wissen nicht genau, was nun folgt, und warten ab, dabei betrachten wir die prachtvollen bunten Kostüme. Gegen 13:30 Uhr formieren sie sich und wir verstehen, dass wir mitten auf der Route des festlichen Umzugs stehen.
Wir treten etwas zur Seite, um die Protagonisten vorbeiziehen zu lassen. Wir spüren die galicische Tradition, die einem alten Muster folgt, und bewundern den Stolz und die Eleganz des Augenblicks, der die Menschen vereint.
Später schlendern wir auf die A Calzade, wo die Weinbuden sich aneinanderreihen. Rechts und links bilden sie eine Art Spalier, durch das die Menschen strömen. Man trägt traditionell ein Weinglas an einer bunten Kordel um den Hals. So zieht man von Bodega zu Bodega, um die unterschiedlichen Weine zu probieren. Die Wahl fällt uns schwer, wir gehen an der Reihe der Bodegas entlang, durch die lachenden Menschen hindurch. Wir haben ja keine Ahnung, welcher Wein der beste ist, und alle zu probieren, halten wir für eine semigute Idee bei der Hitze.
Jede Bodega sieht einladend aus, wir gehen etwas nach links, bleiben stehen, schauen zu, wie einige Leute ihre Gläser füllen lassen, drehen um, gehen zurück. Nach einer Weile nervt uns unsere eigene Unentschlossenheit und wir treten an eine Bodega heran, um drei Gläser füllen zu lassen. Als der Wein eingeschenkt wird, sieht er aus wie ein Sonnenstrahl, der aus der Flasche fließt und sich blassgolden glänzend im Glas kräuselt.
Ein Duft steigt auf, ich nehme den Duft von grünen Äpfeln, salziger Atlantikluft und Sommerregen auf nassem Asphalt auf. Das macht neugierig auf den ersten Schluck. Eine kühle Welle rollt den Geschmack von grünen Äpfel aus, zitronig, gepaart mit Pfirsichblüten. Etwas fein Mineralisches, leicht Salziges bildet den Abschluss. Vermutlich ist das das Besondere am Albariño, der Hauch von Atlantik, der mitzuschwingen scheint.

Zwischendurch stärkt man sich den Magen an einer der Buden, die klassische galicische Gerichte auf Papptellern anbieten. Wir können uns nicht entscheiden. Wir erblicken ein Schild, das frischen „Pulpo á feira“ verspricht, in Scheiben geschnittener Oktopus. Daneben gibt es Muscheln aller Art: Almejas (Venusmuscheln) oder Mejillones (Miesmuscheln), vielleicht doch Vieiras (Jakobsmuscheln) oder ganz simpel Queso gallego (ein galicischer Käse), von den Austern nehmen wir Abstand.
Mehrere Leute ziehen mit Tellern voller aufgetürmter Miesmuscheln an uns vorbei, die blau-schwarz in der Sonne glänzen. Es duftet köstlich nach Meer, Salz und Knoblauch.
Wenig später sitzen wir auf der Ufermauer, vor uns dieses blau-schwarze Muschelgebirge, über uns die warme Sonne. Mein Blick wandert glücklich über den Atlantik, während ich die Muscheln aus der Schale befreie und sie mit einem Schluck Albariño begrüße.

