Die Herberge Camino Espiritual in Barrantes ist gut, vor allem gut organsiert. In einem großen Schlafsaal gibt es eine Nische mit 2 Etagenbetten für uns, „for more privacy“, einen abschließbaren Spint für die Rucksäcke sowie einen QR-Code für das Einchecken in Bett 21 in meinem Fall.
Vor dem Schlafsaal befinden sich Waschmaschine und Trockner, ein Supermarkt ist in der Nähe und um 22 Uhr ist Nachtruhe.
Um 21:30 Uhr befinden sich fast alle Pilger und Pilgerinnen schlafend in ihren Betten, gleiches gilt für unsere Nische.
Ich liege wach und denke: Wir sind zu schnell.
Slow Pilgern auf der Überholspur! Heute sind wir schon, wo wir morgen sein sollten. Aber wo sind wir dann morgen?
Das Boot für die Translatio habe ich erst für den 4. August , 8.00 Uhr morgens gebucht. Der Plan war, die Nacht in Villanova de Arousa zu verbringen, dort, wo das Boot ablegt.
Jetzt sind wir einen Tag schneller und es gibt nirgendwo auf der ganzen Strecke eine Unterkunft.
Nichts! Alles ausgebucht, es sei denn, wir wollen 800 Euro mindestens pro Nacht zahlen. Die Preise für freie Betten sind astronomisch hoch. Was ist denn hier los?
Ich ändere die Strategie, erweitere den Suchradius sowie die Anzahl der Nächte. Immer noch nichts.
Es scheint auch die kleinste Butze ausgebucht zu sein. Plötzlich ploppt eine Unterkunft in Cambados auf. Sehr erschwinglich, passend für vier Personen und direkt in Strandnähe. Ich traue meinen Augen kaum.
Fleur hustet im Bett über mir.
„Bist Du noch wach?“, frage ich.
„Was gibt‘s?“, kommt es zurück.
„Meinst Du, ich kann einfach drei Nächte in Cambados buchen, ohne die anderen zu fragen, sie schlafen schon.“
„Lass uns das machen, das hört sich gut an.“
Am nächsten Morgen erkläre ich, dass wir wegen der widrigen Umstände nun 3 Tage in Strandnähe wohnen müssen. Das Entsetzen könnte nicht kleiner sein.
Beim Frühstück in der Albergue suche in nach Informationen zum Ort Cambados, von dem keine von uns zuvor gehört hat. Sofort wird mir klar, warum es keine freien Unterkünfte in der nahen und weiteren Umgebung gibt. In Cambados gibt es das älteste und bedeutendste Weinfest Galiciens. Besucher aus ganz Spanien reisen dafür jährlich an. Es findet immer am 1. Augustwochenende statt. Also heute.
Dass wir da wie durch ein Wunder hingeraten werden, macht uns nicht traurig. God leads – oder wie war das noch?

Der Weg nach Cambados geht zunächst immer am Fluss entlang und folgt noch dem Camino Espiritual. Nach etwa 5 Kilometern müssen wir ihn verlassen und uns einen Weg Richtung Meer suchen. Es ist heiß, doch es geht immer wieder durch kleine Dörfer, deren Häuserreihen Schatten spenden. Nach etwa 11 Kilometern steigen wir hoch auf die Ausläufer des Berges Monte Patron. Von hier können wir schon das Meer sehen und die Ruine der Kirche Santa Mariña Dozo, der Schutzpatronin von Cambados.
Bevor wir aus dem allerletzten Loch pfeifen, beschließen wir, dort eine Pause zu machen und uns die Ruine anzusehen.
Ein kleines Informationsschild weist uns darauf hin, dass wir vor den wichtigsten Zeugen mittelaterlicher Sakralkunst Galiciens stehen und auch dem drittwichtigsten Grabdenkmal ganz Spaniens. Das macht neugierig.
Innerhalb der Ruine befinden sich Gräber, was in Verbindung mit der verfallenen Kirche eine außergewöhnlich melancholische Atmosphäre erzeugt.


Unwillkürlich richtet sich der Blick nach oben. Wo einst das Dach war, spannt sich nun der Himmel über die steineren Bögen. Feingearbeitete Werke von Steinmetzen sind noch in den Seitenkapellen zu erkennen. Moose und Gräser haben sich überall ausgebreitet.
Wir wollen uns gar nicht trennen, denn immer wieder gibt es neue Entdeckungen im alten Gemäuer.


Eine von Vieren hat allerdings das dringende Bedürfnis, ihre Beine in der Unterkunft „La Casita del abuelo Javi“ auszustrecken. Nach einer unfreiwilligen Stadtbesichtigung, die uns Google Maps aufgedrängt, erreichen wir das gemütliche Ein- Zimmer-Appartment. Wir können unser Glück kaum fassen.
Unsere Vermieterin ist super süß und fragt mehrfach nach, ob alles in Ordnung ist.


Nach einer kurzen Erholungsphase machen sich drei von Vieren auf den Weg zum Weinfest. Eine von Dreien kommt mit einem tätowierten Arm und einer rosa Trillerpfeife zurück, die beiden anderen haben den Wein probiert.
