Um 5:36 Uhr öffne ich erst die Augen und danach den Pilgerpass. Im Halbschlaf heute Morgen habe ich grob überschlagen, wie viele Stempel wohl noch in den Pilgerpass passen. Woran der Pilgerkopf morgens schon denkt, verrückt! Das passt ebenfalls in die Rubrik: „Was das Pilgern mit mir macht.“ Ich stelle also um 5.38 Uhr fest, dass nur noch Platz für 8 Stempel da ist. Ich bin auf der letzten Seite angekommen. Es sind noch ungefähr 55 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Die neue Streckenteilung hält für uns heute 15 Kilometer bereit, im Normalfall ist das ein Ruhetag. Es folgen noch zweimal 20 Kilometer und dann sind wir da. Drei Lauftage nur noch, der Gedanke macht mich jetzt schon wehmütig.
In der Wohnung ist es ruhig, es schlafen alle. Ich fühle mich deutlich besser und beginne, mich mit der Tagesetappe zu beschäftigen. Von Melide bis Arzúa ist es ziemlich flach. Ich meine, mich an wenige kleinere Hügel zu erinnern, denn wir sind hier letztes Jahr schon langgelaufen, als wir den Camino Francés nach 780 Kilometern beendet haben. Als es hinter Melide bergauf ging, sah man einen langen Strom von Pilgern, daran erinnere ich mich noch gut. Ob es jetzt wieder so sein wird?

Um 10 Uhr verlassen wir das Haus und es geht zunächst durch menschenleere Gassen. In einigen Bars sehen wir die üblichen Bauarbeiter in leuchtendem Orange an der Theke ihren Kaffee trinken. Vor einer Bar sitzt ein Pilger allein im Licht der Morgensonne. Als wir näherkommen, erkennen wir Kaspars. Großes Hallo, kleines Update. Wie ist es so gelaufen?
Er erzählt uns, dass er gestern erstmalig in den 13 Jahren, die er Jakobswege geht, von zwei Hunden attackiert wurde. An unterschiedlichen Stellen des Weges. Ich bin verblüfft, hatte ich doch gerade gestern noch darüber nachgedacht, wie desinteressiert sich die Hunde hier verhalten. Es ist ihm aber nichts passiert und er fragte sich nur, warum diese Hunde ihn plötzlich als Eindringling betrachteten.
Aus dem Ort hinaus überqueren wir eine Straße und es geht hinein in die Natur auf ein Waldstück zu. Die Gegend hat sich seit letztem Jahr nicht verändert, sie ist nur nasser und deutlich leerer. Ob es daran liegt, dass wegen des schlechten Wetters der letzten Tage weniger Pilger auf dem Weg sind oder ob wir einfach sehr spät dran sind, heute Morgen, lässt sich nicht sagen.

„Ich kenne die Pferde“, behaupte ich an einer Weide vorbeilaufend, „das sind dieselben wie im letzten Jahr.“ Fleur sagt, sie könne sich an gar keine Pferde erinnern. Dafür erinnert sie sich an eine nicht sehr steile, aber sehr langgezogene Steigung, die mir gerade deutlich macht, dass ich noch nicht über den Berg bin. In jeder Hinsicht. Die Kraft steht mir nicht so unbegrenzt zur Verfügung, wie ich es mir gewünscht habe. Aber es geht bergauf mit mir, sowohl als auch, in diesem Augenblick eben nur langsam. Chora kann sich an die Bäume im Waldstück erinnern, das wir durchqueren. Jeder erinnert sich an etwas, nur Tomegrino nicht, der war letztes Jahr auch nicht dabei.

Wenn man das letzte Jahr sichtbar machen könnte, würde ich nun neben mir herlaufen, denke ich. Aber damals waren die Umstände völlig andere, dazu kommt, dass man sich als Mensch unmerklich verändert in einem Jahr. Der Mensch, der letztes Jahr hier lief, wäre mir in manchen Bereichen heute fremd. Es ist auch faszinierend, dass ich mich an manchen Wegpunkten erinnere, woran ich gedacht habe oder worüber ich mit wem gesprochen habe. Andere Wegbereiche sind mir wie neu und leer in meiner Erinnerung.

Wie zu erwarten, begegnen wir hier an einem Tag mehr Pilgern als auf dem ganzen Camino Primitivo zuvor. Trotzdem ist die Anzahl eher übersichtlich. Das entspannt und macht die Wiedereingewöhnung angenehm. Im Sommer, davon wird berichtet, muss der an Einsamkeit gewöhnte Pilger vom Camino Primitivo jedes Mal einen Schock bekommen, wenn er auf die Massen des französischen Weges trifft. Im Pilgerbuch gibt es sogar noch eine Alternativroute, die man laufen kann, um dieses Ereignis so lange wie möglich zu vermeiden. Das macht den Jakobsweg so besonders, denn im Alltag vermeiden die meisten Menschen eher eine Begegnung mit sich selbst.
Wir erreichen ein Restaurant/Café, vor dem mehrere Tische mit bekannten Pilgern, aber auch vielen fremden Gesichtern belegt sind. Der einzige freie Tisch befindet sich direkt neben der Hundehütte und zugehörigem Hund. Ich betrachte die Szene etwas misstrauischer als in den Tagen zuvor. Der Hund jedoch döst, ohne den Blick zu heben, weiter, während wir uns auf die Stühle fallen lassen. Nur als der aufgeregte Franzose, offenbar in ein emotionales Telefongespräch vertieft, lautstark um die Ecke biegt, schaut er genervt auf.

Unser Tagesziel ist nicht mehr ganz so weit entfernt, deshalb gönnen wir uns eine ausgiebige Pause. Ich bin dankbar für die verkürzte Strecke, weil ich während des Laufens immer wieder vom Schwindel und Kälteschauern überrollt wurde, mich im Allgemeinen aber besser fühle. Tomegrino klagt jetzt über Unwohlsein.
Es geht weiter Richtung Arzúa. In Arzúa ist alles Käse. Die riesigen Weichkäse Arzúa-Ulloa, die bis zu 3,5 kg schwer sein können, stammen aus der Region und sind eine Attraktion. Jedes Jahr im März gibt es eine Käsemesse, dort werden mehrere Tausend Käselaibe verkauft. Unterwegs übersetze ich ein Werbeplakat: Der Erfolg des Käses liegt daran, dass das Produkt, ausschließlich aus der Milch von galicischen Blonden gewonnen wird.Diese Aussage wirft Fragen auf und beschäftigt mich über die nächste Anhöhe hinweg. Ich vermute, dass mein Spanisch noch ausbaufähig ist oder ich mich noch mal mit den Sitten und Gebräuchen des Landes eingehender beschäftigen muss. Da stoße ich auf ein weiteres Plakat: Der Erfolg des Käses liegt daran, dass das Produkt, ausschließlich aus der Milch von galicischen blonden und friesischen Kühen gewonnen wird. Das erste Plakat hatte wohl witterungsbedingt einen Teil des Satzes verloren. So schnell können Gerüchte entstehen.

Arzúa empfängt uns in Großbuchstaben, Capital Letters, auf denen man wunderbar erleichtert abhängen kann. Letztes Jahr war Arzúa nur ein Durchgangsort für uns, denn da sind wir die 33 Kilometer gelaufen. Heute ist es das Ziel und erfüllt mich mit Dankbarkeit.
Unsere Unterkunft liegt etwas außerhalb, den Hügel hinauf, und verfügt über vier Schlafzimmer. Weiteren Isolationsmaßnahmen kränkelnder Pilgergenossen steht nichts im Weg. Die Gastwirtin empfängt uns mit einer Mischung aus Spanisch und erstaunlicherweise Deutsch. Wir erfahren, dass in den sechziger Jahren Gastarbeiter aus Arzúa unter anderem nach Baden-Württemberg kamen. Das erklärt auch die Klangfarbe ihres Deutsch. Diese galicisch-alemannische Freundschaft besteht bis heute und man besucht sich weiterhin gegenseitig.
Innerhalb weniger Minuten haben sich alle müden Pilger auf die ausgewählten Betten geworfen und versinken in einen tiefen Schlaf. Nur ich nicht, mich beschäftigt weiterhin der Gedanke daran, wie anders ich den bekannten Teil des Pilgerweges heute wahrgenommen habe, im Vergleich zum letzten Jahr. Es ist nicht wie eine Wiederholung, sondern eher wie eine Vertiefung mit veränderter Erlebnisfähigkeit. Von anderen Pilgern höre ich immer wieder: Der Weg macht was mit Dir.
Das stimmt und das, was er gemacht hat, nimmt man wieder mit auf den nächsten Weg. Im Leben wiederholt sich nichts, denn das Leben fließt nach vorne und nicht zurück. Wie heißt es bei Heraklit: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“
