Habe ich schon erwähnt, dass wir direkt am Meer in ummittelbarer Strandnähe wohnen, hier in Cambados? Wir sind dazu gekommen „wie die Jungfrau zum Kinde“, würde meine Mutter sagen. Mit anderen Worten, es kam überraschend und ungeplant.
Wieder fallen mir die Worte des seltsamen Wanderers ein: „God leads.“ Und tatsächlich fühlen wir uns wie von unsichtbaren Händen getragen.
Nicht weit von unserer Wohnung „La casita del abuelo Javis“ erhebt sich eine Turmruine im Meer. Eine lange Brücke führt auf die Insel, die von allen Seiten einen wunderschönen Strand zu bieten hat. Die Insel ist allerdings sehr klein, ich glaube, sie hat nicht nicht einmal die Größe eines Fußballfeldes.
Der Turm, „Torre de San Sadurniño“, aber übt eine eigenartige Anziehungskraft aus.

Als wir über die Brücke gehen, erkenne ich in seinem Mauerwerk eine Art Gesicht, das nur nebenbei erwähnt, denn außer mir sieht es niemand.
Das Inselchen heißt: „A Figueira“ und wurde der Sage nach von einem maurischen König aufgeschüttet. Man erzählt, er habe dort einen Gang errichtet, in dem er Gold und Edelsteine versteckte, versiegelt hinter einem der riesigen Steinblöcke und bis heute unentdeckt.

Belegt ist, dass der Turm im 11. Jahrhundert Teil eines großen Verteidigungsnetzes wurde. Denn der Fluss Ria de Arousa war ein großes Einfallstor für Feinde aller Art, besonders Wikinger und Sarazenen fielen immer wieder verwüstend, raubend und mordend ein.
Sobald ein feindliches Schiff am Horizont erschien, wurde auf den Türmen entlang der Küste ein Feuer angezündet, um die Bewohner zu warnen. So konnten Nahrung und und Wertsachen rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.
Beim Bauernaufstand 1466 -1470 wurde dieser Turm zerstört. Später wurde er noch mal vom Bruder des berühmt-berüchtigten Pedro Madruga wieder aufgebaut, um eine Zeit lang illustre Gäste zu empfangen.
Danach verfiel er zusehends. Teilweise als Folge des Erdbebens von Lissabon im Jahr 1755, das einen Tsunami entlang der westlichen iberischen Halbinsel auslöste.
Heute wirkt er wie ein hoch aufgerichteter Zeigefinger im Meer der Geschichte, umspült von den immer wiederkehrenden Gezeiten.
Wir nähern uns. Knirschend zermalmen die Muschelschalen unter unseren Füßen, schließlich ist der raue Felsen erreicht. Langsam klettern wir in das Restmauerwerk und legen unser Hände auf den rauen Stein. Wenn man die Augen schließt und den Wellen zuhört, meint man, die Wärme des Leuchtfeuers zu spüren und die Hoffnung all der Menschen, die gebannt über das Meer schauten.
Die Sonne zieht sich langsam auf die Meereseoberfläche zurück und taucht den Turm in ein mystisches Licht. Ein Teil der Gruppe hat sich schon auf das Festland zurückgezogen, ich sehe sie sitzen von meiner erhöhten Position im Turm.
Nur kann ich mich kaum lösen, so intensiv wirkt die Schönheit dieses abgebrochenen Turms im Abendlicht.

Wir treffen auch noch auf weitere mysteriöse Dinge in Cambados. Es handelt sich um die Santa Compaña, eine nächtliche Prozession, nicht von Menschen, sondern von Seelen. Angeführt von einem Lebenden, der ein Kreuz und einen Kessel mit Weihwasser trägt, zieht sie nachts durch die Straßen. Hinter ihm aufgereiht laufen vermummte Gestalten mit brennenden Kerzen, sie klingeln mit kleinen Glöckchen. Wenn man dieser Prozession begegnet, soll man einen Kreis in die Erde zeichnen, sich hineinlegen und nicht hinsehen, sonst könnte man zum nächsten Seelenboten werden.
Uns begegnet die Prozession in der Nähe der alten Klosterkirche San Francisco. Der Anblick lässt uns erschauern, besonders der Blick in die leeren, schwarzen Kapuzenlöcher.
Der Künstler Lucas Míguez hat sie nach der Legende der Santa Compaña geschaffen. Lebensgroß stehen sie neben der Stadtbibliothek und man glaubt, sie müssten jeden Moment in Bewegung kommen. Sie wirken so real, dass ich mich gerade noch zurückhalte, einen Kreis zu malen und mich hineinzulegen.
Galicien ist voller Geheimnisse und Legenden. Wir sind gespannt, was uns noch alles erwartet.
