Die Cola verdampft schon auf dem Weg vom Mund in den Schlund. Schon klappt es wieder mit dem Denken.
Die Herberge ist zwar immer noch voll, aber bei uns steigt die Bereitschaft, über Alternativen nachzudenken.
Draußen schlafen ist keine Option.
Die Frau in der Rezeption der kleinen Herberge spricht Deutsch und erklärt uns, dass es eine Herberge in Barrantes gäbe, die noch Betten frei hätte. Die meisten Pilger würden den Ort aussparen und durchlaufen.
Wir schöpfen Hoffnung, bis sie sagt, der Ort sei noch 7 Kilometer entfernt.
Gerade erst sind wir über den Berg gekommen, das heißt wir sind 478 Höhenmeter hoch und 442 Höhenmeter runter gelaufen. Die Aussicht, noch mal eben 7 Kilometer dran zu hängen, stößt nicht auf Begeisterung bei der Truppe.

Die Frau reicht uns einen Zettel mit Adresse und Telefonnummer von der Herberge.
Der Ort und der Name der Herberge kommen mir sofort bekannt vor. Albergue Camino Espiritual. Hatte ich diese Herberge nicht für die morgige Übernachtung vorgesehen?
Barrantes – da wollten wir morgen hin, das sollte die nächste Etappe sein. Sie führt nämlich durch den schönsten Teil des Weges, entlang der Ruta da Pedra e da Agua (Der Weg der Steine und des Wassers). Mehr als 30 alte, historische Wassermühlen säumen den Bachlauf.
Ganz im Sinne unseres diesjährigen Mottos „Slow Pilgern“ wollten wir uns für den Weg Zeit lassen.
Es ist 15 Uhr, wir hätten noch ein paar Stunden und könnten es schaffen.
„Wie sieht‘s aus?“, frage ich die Gruppe.
„Mein Körper hatte schon mit dem Laufen abgeschlossen“, kommt es von Froggy, „ich muss ihn noch überzeugen.“
Alle horchen noch mal in sich hinein, dann steht fest: Wir hängen die 7 Kilometer noch dran.

Kurz hinter der Herberge tauchen wir in den Wald ein. Das Sonnenlicht blinzelt durch das leuchtend grüne Blätterdach. Einer kleiner Bach murmelt leise, während das Wasser sich den Weg über die Steine sucht. Wir steigen hinunter über große Steinblöcke, bis wir uns auf einer Ebene mit dem Wasser befinden.
Es ist, als hätten wir das Portal zu einer Traumwelt durchschritten.
Der Pfad führt auf und ab immer am Wasser entlang. Mal plätschert, mal rauscht es über die Steine, durch tief hängende Äste oder um im Weg liegende Baumstämme herum.
Das Licht der Sonne, gefiltert durch das satte Grün der Bäume, lässt zahlreiche Lichtreflexe über das Wasser tanzen.
Immer wieder tauchen Ruinen von historischen Mühlen auf, die teilweise sehr dicht aneinander stehen. Da der Fluss sehr steil ist, konnte das Gefälle direkt mehrere Mühlräder effektiv antreiben. Über künstlich angelegte Kanäle gelang es von einer Mühle zur nächsten, dann wieder zurück in den Fluss.

Die Mühlen waren oft im Besitz mehrerer Bauern und wurden gemeinsam genutzt. Eine Mühle ist besonders auffällig, denn sie diente als wasserbetriebene Sägemühle.
Das Leben hier war früher sehr mit dem Wasser verbunden. Heute findet man in den Ruinen immer noch die moosbewachsenen alten Mühlsteine. Sie erzählen vom geduldigen Rhythmus der Natur, wie ein Echo aus einer vergangenen Zeit.
Wir sind gefangen im Augenblick und gehen wie verzaubert schweigend hintereinander her. Immer wieder bleibt eine von uns stehen und betrachtet diese verwunschene Welt.
So sind die sieben Kilometer fast unmerklich gelaufen und es dauert nicht lange, da erreichen wir die Herberge Camino Espiritual.
Der Herbergsvater steht vor der Tür, als warte er auf uns.
„Cuatro peregrinas?“, fragt er, als er uns erblickt.
Weit gefehlt, wir sind vier Elfen, die soeben aus dem Zauberwald geschwebt sind.
