Wir verlassen die kleine Wohnung im kleinen Haus und stellen uns der großen Herausforderung, über den Berg zu kommen. Der Pilgerweg von Combarro nach Armenteira führt über die Hänge des Monte Castrove, damit des höchsten Bergmassivs der Halbinsel O Salnés.
Diese Anhöhe zu überwinden, ist fast wie ein symbolischer Übergang für uns Pilger, denn wir verlassen die lebhafte Meeresregion und steigen hinauf in die Einsamkeit der Wälder.
Zu unserem Schrecken gibt es keinen sanften Einstieg, damit sich die Beine des Flachlandpilgers behutsam an den Aufstieg gewöhnen. Mit dem ersten Wegkreuz und dem Wegweiser für den Camino Espiritual geht es direkt steil bergan und zwar ohne nennenswerte Unterbrechung über eine Strecke von fast 10 Kilometern.
Zunächst führt es uns über kleine asphaltierte Straßen. Das rhythmische Tack-Tack von Froggys Wanderstöcken hallt zwischen den Häuserwänden. Je höher wir steigen, desto größer werden die Abstände zwischen den Tacks.

Links und rechts liegen kleine Gärten und Weinstöcke schmiegen sich an die Hänge.
Während wir kurz anhalten, um Luft zu holen, wandert unser Blick zurück über die Dächer Combarros und das dahinter liegende Meer.

Die Häuser werden weniger, je weiter wir hinauf kommen, dann verschlucken uns schon die Eukalyptus- und Kiefernwälder.
Riesige Bäume ragen rechts und links des Weges auf, wir fühlen uns ganz klein. Der Duft von Eukalyptus liegt schwer in der Luft und vermischt sich mit dem Geruch des Waldbodens. Es ist still, nur das Zwitschern der Vögel begleitet das Knirschen der eigenen Schritte.

Am Aussichtspunkt Miradoiro do Loureiro, auf ca. 280 m, machen wir kurz halt, denn dieser Ausblick macht demütig. Wir haben über die Hälfte des Aufstiegs geschafft und werden mit einem Panoramablick auf die Ria de Pontevedra, die lange Meeresbucht, belohnt. Wir erblicken Poio und Combarro, schauen sogar rüber bis auf die gegenüberliegende Küste.

Es fällt schwer, uns von diesem Anblick lösen, wir müssen aber weiter in den Wald hinein, denn zwei von uns haben den Turbo eingeschaltet und wurden schon länger nicht mehr gesehen.
Wir sehen allerdings drei andere Frauen, die etwas erschöpft auf einem Stein hocken. Neben ihnen führt ein schmaler Pfad steil den Berg hinauf.
Auf die Frage, wohin der Pfad führe, erklären sie, dass dort oben 3000 Jahre alte Felsritzungen zu sehen seien, sogenannte Petroglyphen.
Wir machen uns an den etwas beschwerlichen Weg fast senkrecht nach oben. Staunend und fasziniert zugleich stehen wir dann vor einem großen Felsbrocken, auf dem konzentrische Kreise, Spiralen und Tiere mit Hörnern eingeritzt sind.
Es gibt Expertenmeinungen, dass es sich um Symbole von religöser oder kultischer Bedeutung handeln könne. Uns fällt auf, dass der Ort eine ganz besondere Energie hat, die man fast körperlich spürt, wenn man die Hand auf den Felsen legt.
Wir nehmen gefühlt ein Stück der Magie mit uns wieder hinunter auf den Weg, der eigentümlich glitzert. Der Boden ist geradezu übersät mit kleinen glitzernden Plättchen. Stammen sie von Pflanzen oder Gesteinen, wir wissen es nicht.
In der nächsten Kurve treffen wir die Abtrünnigen entspannt auf einer Mauer liegend.
Auch sie haben keine Erklärung für das auffällige Glitzern.
Während wir so vor uns hin rätseln, kommt ein junger Mann angeflitzt und ruft schon von weitem: I need a break (Ich brauche eine Pause).
Nichts liegt uns ferner, als zu verneinen, und schon plumpst er auf die Mauer, während er fast gleichzeitig einen Beutel Powergel aufreist und aussaugt. Er sei schon in Lissabon losgelaufen und hätte die Strecke bis hierher in 13 Tagen geschafft.
Wir zeigen uns gebührend beeindruckt und überschlagen im Kopf, dass er pro Tag an die 40 Kilometer läuft. Interessiert mustere ich den kleinen Gelbeutel, was schluckt er denn da wirklich?
Jedenfalls belastet er sich nicht mit schwerem Gewicht, denn in seinen Pilgerrucksack passt maximal eine Unterhose und ein zweites T-Shirt, dennoch wirkt er wie frisch gestylt. Auch trägt er kein schweres Gewicht im Kopf, denn er wisse nie, wo er die nächste Nacht verbringe und wo es ihn heute noch hinführe. Auf den Camino Espiritual sei er aus Versehen geraten, denn er habe die falsche Abzweigung genommen.
Falsch gäbe es jedoch nicht: „God leads — Gott führt“, sagt er noch, springt auf und flitzt wieder los.
Wir haben auch noch nichts gebucht für die folgende Nacht, zweifeln aber nicht daran, dass die anvisierte Herberge uns aufnimmt.
Jetzt geht es hinunter ins Tal.
Wenig später erblicken wir das imposante Kloster Santa Maria de Armenteira, das im allgemeinen als das spirituelle Herz des Camino Espiritual gilt. Es stammt aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Der Legende nach soll der Ritter Don Ero, der Gründer des Klosters, mit der Frage gerungen haben, wie wohl die Ewigkeit bei Gott sein möge. Betend im Wald hörte er so gebannt dem Gesang eines kleinen Vogels zu, dass er das Gefühl für Zeit und Raum verlor.
Auf dem Weg zurück ins Kloster erkannten ihn die Leute nicht mehr, denn es waren inzwischen 200 Jahre vergangen. Don Ero verstand nun, dass die Ewigkeit Gottes nicht mit menschlicher Zeit gemessen werden kann.
Wir finden das alles sehr spannend und beschließen, erst unsere Herberge aufzusuchen und dann noch mal zum Kloster zurückzukehren.

Es ist inzwischen sehr heiß und wir sind dankbar für jeden Baum, der uns etwas Schatten spendet.
Der letzte Anstieg zur Herberge führt allerdings über eine baumlose Straße, die Hitze steigt gnadenlos vom heißten Asphalt auf.
Zuerst fällt unser Blick auf ein Schild, das eisgekühlte Getränke verspricht, dann fällt der Blick auf ein weiteres Schild: Completo – full – voll! Wir erfahren, dass es im ganzen Ort kein einziges freies Bett mehr gibt.

Froggy: „Will sonst noch jemand eine Cola Zero?“
Erst ein kaltes Getränk, dann schauen wir weiter.
God leads.
