von Oleander

zwischen Frust, Verzweiflung und Glücksgefühlen

Ich freute mich auf den kommenden Tag. Unser Weg sollte uns über zwei Grenzen hinweg von Deutschland über Luxemburg nach Frankreich führen. Das ist schon etwas Besonderes an einem Tag! Jedoch, manchmal kommt alles anders als erwartet. So auch am Tag der Grenzüberschreitung.

Nach dem Frühstück ging es los durch Perl in Richtung Schengen/Luxemburg… und so langsam musste ich, zumindest mir selbst, eingestehen, dass es nicht ging. Dass ich nicht weiterlaufen KONNTE. Schon am Tag zuvor hatte ich 2 km vor dem Etappenziel aufgeben müssen, weil meine Füße voller schmerzender Blasen waren. Was hatte ich erhofft? Ein heilendes Wunder über Nacht?  So viele Gedanken verirrten sich in meinem Hirn: Aufgeben-Niederlage-den anderen zur Last fallen und doch zuletzt der einzig vernünftige Gedanke: höre auf dich und deinen Körper! Und so stoppte ich meine lieben Pilgerfreundinnen und verkündete ihnen mit leidigem Gesicht: ich kann nicht mehr.   So – jetzt war es ausgesprochen!

Jetzt würde ich bald allein dastehen. Müsste mich eigenverantwortlich kümmern. Es würde niemand  mehr da sein, der mir Vorschläge machen oder Motivation geben könnte, der mir Entscheidungen abnehmen würde. Ausgerechnet an einem riesigen Fuß vor einer orthopädischen Praxis schickte ich sie weiter auf den Weg und ließ meinen Tränen erst einmal freien Lauf. Allein……. Mit schmerzenden Füßen….

Nur einen Auftrag hatten mir die 4 mit auf den Weg gegeben: Wir werden heute Abend in Saint Marguerite wieder vereint sein.

Nicht lange überließ ich mich meinem Schmerz, denn dann hieß es: Krönchen richten – weitermachen!  Es folgten mehrere Versuche Menschen anzusprechen, die mir helfen sollten. Die sympathische junge Frau in ihrem kleinen schnuckeligen Garten sollte als Opfer herhalten und mein persönliches Taxi werden. So sprach ich sie einfach an (für mich schon eine Überwindung), leider konnte sie nicht. Es folgten Gespräche mit Taxi und Mietwagenunternehmen – vorerst erfolglos. Als die Glocken der kleinen Kirche läuteten humpelte ich hin. Ob es ein Zeichen war? Kurzentschlossen postierte ich mich mit meinem Riesenrucksack und dem gelben Pilgerführer in der Hand auf der Kirchenmauer. Das MUSSTE doch gesehen werden! Nachdem die 4! Besucher das Gotteshaus in die falsche Richtung verließen und die Pastorin schnellen Schrittes, mich kaum eines Blickes würdigend zügig mit dem Auto davonfuhr, gab es nur noch eine Lösung: ANNA!

ANNA war die Vermieterin unserer letzten Pension und die wusste ALLES (besser) Sie wusste, dass ihr Nachbar keine Zeit hat, mich zu bringen und auch sonst keiner im Ort. Sie wusste, dass kein Bus fährt. Sie wusste, dass kein Taxi zu bekommen ist und dass es eh viel zu teuer wäre. Vor allem aber wusste sie, dass es völliger Quatsch ist, meinen Pilgerfreundinnen hinterherzufahren…      na dann…

Mir war danach, mich einfach in ihrer Pension hinzulegen, mich in den Schlaf zu weinen und auf den kommenden Tag zu warten. Aber es kamen weder Tränen noch Schlaf, ich hatte schließlich eine Mission zu erfüllen – ich musste heute irgendwie nach Saint Marguerite. So setzte ich mich, mit Schonhaltung für meine Füße, auf eine Bank in dem kleinen Park. Ich brauchte erstmal eine Pause. Gedanken auf Aus und die Sonne genießen. Kaum ein Mensch suchte diesen Park auf, umso verwunderter war ich, als eine Frau direkt auf mich zu kam und mich (in meinem Pilgerführer blätternd) ansprach. So lernte ich die Frau, deren Namen ich vergaß, kennen. Wir kamen schnell ins Gespräch. Sie selbst und ihr Mann Jacque sind Pilger und bereiteten gerade eine geführte Pilgertour Richtung Saint Marguerite vor. Welch eine Fügung! Was soll ich sagen? Die beiden brachten mich völlig selbstlos zu unseren Vermietern. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Vor Ort empfingen uns zwei sehr herzliche Menschen und nahmen uns in ihre Mitte. Ich war begeistert von ihnen und von diesem besonderen Fleckchen Erde. Und ich fühlte mich glücklich. Ich war ANGEKOMMEN!

So überwand ich doch noch die Landesgrenzen, wenn auch im Auto! Aber nicht nur diese. Auch meine eigenen Grenzen konnte ich überschreiten. Ich hatte mein Ziel erreicht! Für mich ein großer Schritt.