Wir sind zurück, fast genau ein Jahr später.
Dieses Jahr beginnen wir unseren Jakobsweg in Porto mit ausgedehntem Sightseeing.
Letztes Jahr haben wir uns nur den Flughafen angeschaut, genauer gesagt die Gepäckausgabe, denn unsere Rucksäcke hatten es nicht nach Portugal geschafft.
Dieses Jahr läuft alles glatt. Die Rucksäcke geschultert, tragen wir sie zunächst in ein Hostel in Porto. Von hier gönnen wir uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt, bevor wir ganz entspannt nach Pontevedra flixen (aka Flixbus fahren).

In Pontevedra angekommen, haben wir das Gefühl, als seien wir nie weggewesen.
Auch dieser Stadt haben wir letztes Jahr aus Zeitgründen zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Das machen wir jetzt gut und lassen uns per App auf einen historischen Rundgang ein. Wir lernen viele interessante Plätze kennen, die in verschiedenen Epochen eine Bedeutung hatten. Beim Gemüseplatz und Brennholzplatz müssen wir nicht lange nachdenken.
Natürlich dürfen die Kirchen, die Stadtmauer und die archäologischen Ausgrabungsstätte nicht fehlen.
Am meisten hat uns aber die Ruine des Klosters Santo Domingo aus dem 13. Jahrhundert gefangen genommen. Das Nachmittagslicht spielt mit den dicken Steinen des alten Gemäuers, die Sonnenstrahlen setzen Akzente und führen den Blick in entlegene Winkel.
8 Kilometer später haben wir unsere kleine Tour beendet und runden sie mit einem Besuch im Supermarkt ab.

Am nächsten Morgen packen wir unsere Pilgerrucksäcke sorgfältig, zurren und ruckeln sie zurecht, denn es wird ernst. Heute geht es auf die erste Etappe des Jakobswegs: Camino Espiritual. Es ist ein kurzer Jakobsweg, der nur 73 Kilometer lang ist und von den meisten Pilgern in 3 Etappen abgelaufen wird.
Das haben wir alles schon gehabt, die Jagd auf die Herbergsbetten sowie Etappenlängen weit jenseits der 30 Kilometer.
2022 und 23 sind wir dem Camino Frances über die Pyrenäen gefolgt, um nach 800 Kilometern in Santiago de Compostela anzukommen. 2024 sind wir über die Gebirgsketten in Asturien gelaufen, den Camino Primitivo entlang, durch schwierige Wetterverhältnisse über 10.000 Höhenmeter. Letztes Jahr sollte es eine entspannte Pilgertour entlang des Küstenwegs des Camino Portuguese werden, aber es wurde eine Bettenjagd. Kurzentschlossen wechselten wir auf den anspruchsvolleren Camino Portuguese Central. Dort begegnete uns zum ersten Mal die Variante Espiritual, die wir damals noch wortwörtlich links liegen ließen.

Camino Espiritual, der spirituelle Weg, der Gedanke daran, einen ganz anderen Jakobsweg zu laufen, hat uns nicht mehr losgelassen. Dieser Weg ist eine Verbindung der klassischen Pilgertradition mit der ältesten Überlieferung zur Ankunft der Gebeine des Apostels Jakobus in Galicien. In Jerusalem enthauptet, legten seine Jünger den Leichnam Jakobus in ein unbemanntes Boot, das allein über das Mittelmeer nach Galicien getrieben wurde. Es bleibt bis heute offen, ob es sich um eine kopflose Fahrt handelte.
Jedenfalls gelang das Boot über den Rio Ulla nach Padron. Genau diese legendäre Überfahrt wird auf dem Camino Espiritual symbolisch nacherlebt. Wenn alles klappt, erleben wir die sogenannte Translatio durch eine einzigartige Bootsfahrt über die Ria de Arousa und den Rio Ulla nach Padron als Teil des Weges.
Heute geht es zunächst nach Combarro. Es ist ein kleines Küstenstädtchen direkt am Meer, bekannt für die ufernahen Getreidespeicher. Es ist ein sanfter Einstieg über schattige Waldwege, gesäumt von Eukalyptusbäumen, kleine Asphaltstraßen, viele schmale Naturpfade und schließlich entlang des Meeres über Uferpromenaden

Wir lassen es ruhig angehen und erreichen am späten Nachmittag die verwinkelten Gassen von Combarro. Die unregelmäßigen Kopfsteinpflaster aus geschliffenen Granitsteinen führen zwischen dichtstehende Häuserreihen hindurch. Immer wider öffnen sich kleine Plätze, als hätten die Häuser einen Kreis gebildet, um Platz zu machen für die Menschen, die Pilger, die Fischer, deren Schritte zwischen den Häuserwänden seit Jahrhunderten widerhallten.

In einem dieser etwas windschiefen Häuser finden wir unsere Unterkunft.
Dort sitze ich jetzt und schreibe unseren ersten Blogeintrag. Morgen geht es bergauf zum Kloster Armenteira.
