Alles muss seine Ordnung haben oder? Wie schnell setzt die Verwirrung ein, wenn die erwartete Ordnung nicht erfolgt?

Ich weiß, es war nicht immer einfach unseren Blogbeiträgen zu folgen. Die Erwartung, dass sie immer aktuell sind, wie die Tageszeitung, erschwert die Sache. Wir lesen die Zeitung vom Dienstag ungern Freitag, oder? Ich mache mir Gedanken über Lesegewohnheiten. Man hat ja viel Zeit zum Denken beim Laufen.

Der Blogbeitrag „Das ist der Gipfel“ erscheint am Donnerstag. Prompt erreicht mich die Nachricht: „Warst Du nicht schon vor zwei Tagen dort oben? “ Stimmt. Vor zwei Tagen sind wir den Berg rauf und auch wieder runter gelaufen. Wir kamen spät in der Herberge an und hatten gerade noch genug Kraft zum Duschen und Essen.

Morgens sind wir manchmal die letzten, die den Schlafsaal verlassen.

In den Herbergen geht oft ganz früh das Licht aus. Früh, heißt meistens 22 Uhr. Dann wird auch die Tür abgeschlossen und wer es bis dahin nicht zurück zu seinem Bett geschafft hat, kann draußen schlafen. Da sind die Herbergsväter- und mütter sehr rigoros bis erbarmungslos. Schlimmer sind noch die Sorte Pilger, die schon um 20 Uhr in ihrem Etagenbett liegen und ungehalten reagieren, sollte noch jemand wagen das Licht anzuschalten.

Leider weiß man nicht im Voraus ob sich diese Spezies unter den Liegenden befindet. Nach ein paar Tagen habe ich es raus, den Schlafsaal bei Betreten erst mal nach Deuter-Rucksäcken und Jack Wolfskin Jacken durchzuscannen. Ich möchte hier keine Vorurteile schüren, kann nur aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen und da höre ich: „Licht aus“, im akzentenfreien Deutsch häufiger als in anderen Sprachen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich weder Japanisch noch Koreanisch spreche und alles in dieser Sprache eher nach: „Möchte noch jemand Sushi?“ klingt.

Froggy schickt mir ihre Blogbeiträge per Email. Sobald ich Zeit habe, veröffentliche ich sie auf unserer Seite. Weil Froggy ca. 300 km vor uns läuft, versuche ich die Verwirrung gering und ihre Artikel möglichst tagesaktuell zu halten.

Ich liege in Bett 23. Der Schlafsaal ist dunkel, jetzt um 21 Uhr. Im Etagenbett neben mir liest Chora noch auf ihrem Handy. Über mir höre ich Fleur mit dem Schlafsack kämpfen. Alle anderen sind ruhig. Ich habe mich vorbereitet. Alles Erforderliche liegt irgendwo in meinem Bett oder hängt am Ladegerät direkt neben meinem Kopfkissen. Mein Stecker hat 4 Ladebuchsen und alle sind belegt. Die Uhr, das Handy, die Gopro, die Kamera – alles muss mit Strom versorgt werden. iPad und Tastatur liegen vor mir. Ich bin bereit Froggys Artikel zu veröffentlichen und schalte das iPad ein.

Flashlight…der Schlafsaal erscheint plötzlich taghell. Hektisch versuche ich den Helligkeitsregler zu finden. Wo war der noch mal? Den brauche ich viel zu selten. In 32 anderen Betten richten sich Gestalten auf. Sie verschwinden wieder im Dunkeln, als ich den Helligkeitsregler endlich gefunden habe. Ich warte einen Moment bis alle wieder zur Ruhe gekommen sind. Chora schaut, angestrahlt vom gedimmten Licht ihres Handys, zu mir rüber und grinst. Offenbar hatte sie ihren Helligkeitsregler schon vorher gefunden.

Ich schalte das iPad wieder ein und öffne unsere Webseite. Jetzt kann es los gehen. Alles ist gut, der Schlafsaal schläft. Ich habe Zeit, bin fit – perfekt. Dann, mit Beginn des Tippens, wandert das Geräusch der Tastatur klackernd durch den Raum. Erschrocken hebe ich die Finger, die sich gerade wohlzufühlen begannen. Warum war mir noch nie aufgefallen, wie laut diese Tastatur ist? Also doch die virtuelle Tastatur auf dem Touchscreen benutzen.

Wenig später ist Froggys Blogbeitrag online. Gut, wenigstens das ist geschafft. Einen eigenen Beitrag werde ich nicht mehr schreiben können. Erstens führt das zu erneuter Irritation und zweitens zur Verkürzung meiner aktiven Schlafzeit. Ein Video geht jedoch. Ich lade das Video mit meinem Lieblingsthema „Wetter“ von der Gopro aufs Handy. Alles läuft rund. Licht gedämmt und ich habe sogar daran gedacht, die Kopfhörer einzustöpseln. Schnell schneide ich den Film, lege Musik darunter und lade ihn hoch. Er ist online. Ich bin eine Heldin der Nacht – für genau zwei Sekunden.

In der dritten Sekunde kontrolliere ich auf dem iPad, ob der Upload geklappt hat. Sofort schrecken von Bett 1 bis 34 alle Pilgerköpfe hoch. Lautstark hallt die, zugegeben flotte Hintergrundmusik durch den Raum. Mist – die Kopfhörer stecken noch im Handy. Ich will die Lautstärke runterdrehen, erwische aber den Helligkeitsregler – alle wach! In meiner Panik, schalte ich das Gerät komplett aus und stelle mich tot. Das iPad hebt und senkt sich auf meiner Bettdecke, während ich Tiefschlaf simuliere und warte bis das genervte Gemurmel verstummt.

Endlich ist alles ruhig. Ich beschließe sämtliche Aktivitäten einzustellen und das iPad neben mein Bett zu legen. Leider habe ich vergessen, dass dort meine leere Alu-Trinkflasche steht. Was soll ich sagen? Es klingt wie ein Gong! Begleitet von einem scheppernden Gepolter rollt sie unter Choras Bett.

Vorbeugend möchte ich hinzufügen, dass sich dies vor ungefähr einem Monat ereignete und ich es erst heute, am 1. November schreibe.

Nicht, dass irgendjemand denkt, ich läge noch immer in einem Herbergsbett, Tiefschlaf simulierend. Die Gefahr besteht jedoch kurzfristig, als ich morgens aufwache und merke, dass meine Ladekabel und meine Haare eine feste Verbindung eingegangen sind.