von Koshi

Zugegeben, die Hygienemaßnahmen sind das „A“ und „O“, man kommt nicht umhin, sich in Zeiten von Corona mit dem Thema zu beschäftigen. Seit einigen Tagen besteht Maskenpflicht in den Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln. Ganz davon abgesehen, dass in allen Medien über Corona berichtet wird, erinnern mich insbesondere die maskentragenden Mitmenschen an den Ausnahmezustand.

Das Thema Hygiene stand vormals für mich nicht gerade an erster Stelle, ganz im Gegenteil, in meinem Alltag reicht es in der Regel, wenn alles sauber ist. Beim Pilgern muss man schon mal alle Augen zu drücken. Von daher geht es für mich im Moment darum, mit Augenmaß den Schutzanweisungen nachzukommen, ohne es zu übertreiben. Manchen Menschen steht die Angst förmlich ins Gesicht geschrieben. Hier finde ich es sehr wichtig, eine gute Balance von Angst und Zuversicht zu behalten.

Pilgern mit Hyäne

Ständige neue Nachrichten und eine Konzentration auf Corona machen es uns dabei nicht leicht. Bei mir nehme ich einen Alarmmodus im Hintergrund wahr. Wir wissen nicht genau, wie es weitergeht und wie lange wir in der Krise bleiben. Social distancing lautet die Devise und Abstand halten bedeutet im Moment Fürsorge. Das ist für mich eine Herausforderung, da ich gerne auf die Menschen zugehe, neugierig bin und in der persönlichen Begegnung auch Kraft schöpfe.

Mein Alltag hat sich sehr verändert. Seit dem 1. April bin ich im Homeoffice, perspektivisch noch bis Ende Juni. Veranstaltungen sind bis Ende September abgesagt. Das sind vorbildliche Schutzmaßnahmen meines Arbeitgebers, aber sie haben über Nacht eine Kette von Aktionen nach sich gezogen: ein Arbeitsplatz ist neu eingerichtet, Zimmer wurden neuen Funktionen zugeordnet, ein neues Equipment wurde gekauft und neue Abläufe werden eingeübt. Man „videokonferenzt“ sich durch den Tag. 

Auch die Familie hockt aufeinander, unterschiedliche Bedürfnisse treffen sich. Der eine braucht Ruhe, der andere dagegen Aktion. Das muss sich neu einspielen und in gegenseitiger Rücksichtnahme umgesetzt werden. Durch das Kontaktverbot bleiben wir  überwiegend Zuhause. Von Woche zu Woche vermisse ich meine Familie und Freunde mehr. Da sind die Zoom-  WebEx- oder Skype-Konferenzen kein 100 prozentiger Ersatz. Auf der anderen Seite lerne ich dadurch im Schleudergang, technische Innovationen  kennen und anzuwenden. Was auf keinen Fall schadet, da ich nicht eines Tages zu den Dinosaurien gehören möchte.

Täglich sehen mich die Baustellen des Hauses an. Was halt so liegen bleibt, wenn man ansonsten oft unterwegs ist. Der Haushalt, die nicht geputzten Fenster,  vollgestellte Räume usw. Also sortiere ich und vor allem trenne ich mich von Dingen. Das machen anscheinend viele, da im Baumarkt alle Umzugskartons ausverkauft sind. Beim Pilgern lernt man, mit „wieviel wenig“ man auskommt. Je länger man unterwegs ist, je mehr entdeckt man, was man wirklich braucht. Zugegeben, da ist Toilettenpapier nicht ganz unwichtig. 

Schon seit Jahren gibt es den Megatrend sein Leben aufzuräumen. Je chaotischer das Umfeld, je größer ist anscheinend der Wunsch nach Struktur. Das Leben zu sortieren ist auch ein Thema beim Pilgern. Was ist mir wichtig und wovon kann ich mich trennen, wo möchte ich hin und was gibt mir Kraft, das sind unterwegs die Fragen. Dabei sind die unterschiedlichen Sichtweisen der Mitpilgerinnen sehr wertvoll. In Gesprächen in wechselnden Konstellationen erweitert sich das Sichtfeld. 

Eine krisenhafte Zeit hatten wir bereits vor Corona. An dieser Stelle sind als Stichworte die Flüchtlingskrise, der weltweite Ruck nach rechts, die Macht der Populisten und Umweltkatastrophen genannt. Ich glaube, dass gerade in Krisenzeiten die guten und schlechten Kräfte der Menschheit ganz besonders zum Vorschein kommen. Einige sorgen in erster Linie für sich, andere wiederum helfen der Solidargemeinschaft und haben sehr kreative Ideen.

Das Pilgern hat mir vermittelt, dass es häufig anders kommt, als geplant. Dinge geschehen, auf die ich keinen unmittelbaren Einfluss habe. Auch wenn sie mich zunächst beunruhigen, finde ich es erstrebenswert, genauer hinzuschauen und den Ereignissen mit Zuversicht zu begegnen. 

Die Corona-Zeit birgt Chancen in sich. Zum Beispiel diese, sich neu zu justieren. Sie wird in unserem kollektiven Gedächtnis bleiben, da sie vermeintlich Unverrückbares über Nacht außer Kraft gesetzt hat. Die Kreuzfahrschiffe bleiben in den Häfen, die Flugzeuge bleiben am Boden, die Kinder gehen nicht zur Schule oder in den Kindergarten, die Menschen arbeiten von Zuhause aus, die Gottesdienste sind ausgesetzt…alle kulturellen Ereignisse sind abgesagt. Der Terminkalender ist leer.

Von Woche zu Woche wird der Blick auf das Wesentliche noch mehr möglich. Da wir Menschen über eine hohe Anpassungsfähigkeit verfügen, gewöhnen wir uns an den neuen Alltag und integrieren, dass das, was gestern galt, heute nicht mehr gilt. Wir verlassen unsere gewohnten Pfade und haben die Möglichkeit, uns weiter zu entwickeln. 

Der April war seit Jahrzehnten der sonnenreichste. Blauer Himmel, Sonne und Wind wurden uns geschenkt. Das hat sicherlich dazu beigetragen, die Beeinträchtigungen im wahrsten Sinne des Wortes sportlicher zu nehmen. Ich genieße die Natur und die Bewegung und frage mich, welche Lernchancen Corana mit sich bringt- für mich ganz persönlich aber auch für die Welt. Und ganz besonders bedanke ich mich bei meinen Mitpilgerinnen Chora, Fijula, Froggy und Oleander für die Zeit, die wir schon unterwegs sind und die Zeit, die wir wieder unterwegs sein werden.

P.S. Den wunderbaren Titel zum Artikel verdanke ich Froggy, dadurch sind meine zunächst blockierten Gedanken in Fluß geraten.

P.P.S. Die Fenster habe ich immer noch nicht geputzt.

04.05.2020 Koshi