Die Spannung steigt, wir hängen an den Lippen von Lia, die rasantes Spanisch in ihr Handy rattert. Da Froggys Rucksack nun alleine reist, haben wir eine weitere Hürde zu überwinden. Wir müssen im Vorfeld schon wissen, wohin es geht und die Adresse einer  Unterkunft haben. Froggy hat Lia, der jungen Frau von der Albergue, die Telefonnummer einer Herberge in Pontevedra gegeben und sie gebeten, für uns eine Reservierung zu machen.

Die Herberge macht aber keine Reservierungen, die ersten Ankömmlinge bekommen Betten, bis die Herberge voll ist, die anderen müssen weiterziehen. In unserem Fall macht man eine Ausnahme, wenn wir bis 15 Uhr da sind. Danach sind die Betten weg.

Zuvor im 90-Betten-Schlafsaal erklärt ein junger Mann seinen Bettnachbarn, dass er morgen nach La Gomera flöge, denn dort habe er ein Haus, das leer steht. Das Pilgern werde er abbrechen. Die Rennerei und die Jagd auf die freien Betten würden ihn nerven, er hätte keinen Bock mehr auf den Mist. Ich kann das nachvollziehen. Dieses Ausmaß an Stress wegen der Unterkünfte habe ich in den Jahren zuvor nie erlebt. Selbst auf dem Camino Francés, der quer durch Spanien führt und die größten Pilgerströme anzieht, gab es immer noch freie Betten für uns, auch nach 18 Uhr. Letztes Jahr auf dem Camino Primitivo, in Asturien, gab es ebenfalls keine Engpässe. Der Primitivo ist wegen seines Rufs, der schwerste zu sein, nicht so überlaufen. Hier auf dem Portuguese, dem man nachsagt, der leichteste zu sein, ist es einfach voll. Egal, ob der Küstenweg oder der zentrale Weg, alles ist voll. Einige Pilger schlafen draußen in der Natur, aber die Nächte sind kalt, selbst im August.

Als ich in der Nacht die Toilette aufsuche, sehe ich eine Frau im Aufenthaltsraum an ihrem Laptop sitzen. Es ist 3:30 Uhr und sie scrollt hektisch durch die Seiten. Am Morgen treffe ich sie sie wieder, sie sieht müde aus und erklärt mir, sie habe nur kurz auf der Holzbank geschlafen. Den Rest der Nacht habe sie nach Unterkünften gesucht und nun alles gebucht bis Santiago, ganz gleich, was es koste.

Ein Mann bringt ihr einen Kaffee. Er sei bis gestern den Küstenweg gelaufen, sagt er, habe dort aber gar keinen Schlafplatz gefunden. Seine Frau hier sei auf den zentralen Weg gewechselt und habe die Betten in der Herberge klargemacht. Freunde, die später kamen, hätten in ganz Redondela nichts mehr gefunden und seien mit dem Bus nach Vigo ins Hotel gefahren.

Die Rennerei auf dem Jakobsweg ist surreal. Man läuft durch die einsame Natur, hat die besten Voraussetzungen, den Geist zu entspannen und das pure Sein zu genießen. Da hört man sie von hinten herankommen, die eiligen Pilger im Kampf um das nächste Bett. Sie schaffen es gerade noch, ein „Buen Camino“ rauszupressen, während sie vorbeistürmen. Ich ertappe mich dabei, wie ich selbst denke:„Verdammt, wieder ein Bett weniger im nächsten Ort.“

Wir müssen unsere Strategie ändern, damit wir diesem Stress entgehen. Die Gruppe hockt zusammen und schaut sich die Etappen an. Unser ursprünglicher Plan wird verworfen und umgebaut. Die klassischen Etappenziele in den größeren Orten werden wir vermeiden. Unser Ziel ist es, hinter die Welle zu kommen. Wir gehen davon aus, dass die meisten Pilger am Freitag oder Samstag in Santiago sein wollen, um Sonntag wieder auf dem Heimweg zu sein.

Da wir durch den Wechsel auf den Camino Central 2 Tage gewonnen haben, können wir unsere Etappen so verkleinern, dass wir erst am Sonntag ankommen. Außerdem wollen wir in den kleinen Orten zwischen den großen Etappenzielen übernachten.

Mit diesem Plan im Gepäck geht es auf nach Pontevedra. Schließlich müssen wir vor 15 Uhr da sein, das heißt, ein letztes Mal richtig Gas geben. Es gilt, 21 Kilometer möglichst zügig zurückzulegen.

Hinaus durch die leeren Gassen von Redondela, vorbei an den Viadukten. Die Spanier schlafen noch, die Pilger rasen schon los. Erwartungsgemäß sind es viele, die heute auf dem Weg sind. Nach einiger Zeit sieht man die ersten Sonnenstrahlen langsam hinter den Bergen hervorkommen. Die Schilder auf den Waldwegen werden immer größer und die dahinter positionierten Händler locken mit Stempeln für den Pilgerpass. Wenn man da einmal stoppt, ist man geneigt, das ein oder andere der angebotenen Schmuckstücke zu erwerben. So komme ich auch zu meiner lederummantelten Muschel.

Es geht bergauf und rund um die Bucht. Von allen Seiten können wir nun hinunter auf das Gewässer schauen. Es sind traumhafte Ausblicke, die uns trotz aller Eile immer wieder zum Stehen und Staunen veranlassen. Dann steigen wir wieder hinab zum Ort Arcade, um dort über die alte Römerbrücke „Ponte San Paio“ den Río Verdugo zu überqueren. Im Mittelalter wurde diese Brücke auf den Fundamenten einer alten römischen Brücke erbaut. Man hat das Gefühl, als betrete man ein Stück Geschichte. Der Jakobsweg führt seit vielen Jahrhunderten über diese alten Steine. Allein der Gedanke, wie viele Pilgerfüße hier schon rübergeschlappt sind, erfüllt mich mit Ehrfurcht. Ich möchte mehr Zeit haben, mich auf solche Momente einzulassen.

Hinter dem Ort geht es wieder in den Wald. Der Weg zeichnet sich heute wieder durch viel Schönheit aus. Es sind die ruhigen, abgeschiedenen Waldwege und die kleinen, gemütlichen Dörfer, die den Anschein erwecken, man würde durch einen Bildband von Galicien laufen.

Das letzte Stück des Weges zeigt uns eine vertraute Alternative. Entweder die gerade Strecke an der Straße entlang oder mit Windungen durch den Wald. Diesmal entscheiden wir uns richtig. Wir laufen natürlich durch den Wald, wie uns einer der Händler zuvor auch dringend geraten hat. Einerseits ist es schattig, was bei den nun herrschenden 31 Grad sehr willkommen ist, andererseits zeigt sich hier noch mal die Natur von ihrer schönsten Seite. Es geht an Bachläufen entlang, über kleine Holzstege und Steinbrücken.

Der Weg windet sich in Kurven bis nach Pontevedra. Tomegrino läuft schon mal vor, damit wir auf jeden Fall vor 15 Uhr in der Herberge sind. Uns bleibt damit ein wenig mehr Zeit, die Sinne zu entfalten und den Zauber in uns aufzunehmen. Die anderen Pilger sind größtenteils schon durch oder haben den kürzeren der Wege gewählt. Wir sind allein. Als wir schließlich in der Albergue eintreffen, werden wir mit „Hola – da sind ja die anderen Tomegrinos!“ begrüßt.

Wir haben 5 Betten, in einem angenehmen 11-Betten-Raum. Es ist 15 Uhr. Um 17 Uhr sehe ich das Schild an der Tür: „We are full.“ Manch ein müder Pilger muss weiterziehen.