Von O Porriño aus sind es die ultimativen hundert Kilometer, die der Pilger gehen muss, um eine Compostela zu erhalten. Das ist die Urkunde, die dem Pilger sozusagen die Daseinsberechtigung legitimiert. Hundert Kilometer vor Santiago de Compostela musst du laufen, um einer solchen Urkunde würdig zu sein.
Klar ist: Ab jetzt darf nichts mehr passieren.
Das ist ein nicht unbeträchtlicher Druck, der zum Pilgerrucksack auf den Schultern landet.
Wir brechen früh auf, es ist noch nicht ganz hell. Heute strömen die Pilger aus allen Gassen auf den Weg. Das ist ein untrügliches Zeichen, das die letzten Hundert anbrechen. Manche Pilger laufen nur diese erforderlichen Hundert, deshalb verdoppelt sich die Zahl der Pilger. Auch werden wir heute bis Redondela laufen, ein wichtiger Knotenpunkt auf dem Jakobsweg. Hier treffen drei Wege aufeinander. Die klassische Hauptroute, auf der wir uns jetzt befinden, trifft auf den Küstenweg und den Camino Espiritual, den spirituellen Weg. Wir rechnen damit, dass es mit den Unterkünften wieder eng werden wird. Allein dieser Gedanke hat uns so früh aus dem Bett getrieben. Bis Redondela sind es heute nur 17 Kilometer. Wer zuerst kommt, kann sich ein Bett sichern. Das Rennen auf die Betten ist eröffnet. Manche Pilger rasen mit einem hohen Tempo an uns vorbei, ihre Rucksäcke und Schuhe glänzen blitzsauber in der aufgehenden Sonne. Wir vermuten, es ist ihr erster Pilgertag und ich will ihnen noch zurufen, es langsam angehen zu lassen, da sind sie schon davon.
Später werden wir sie wieder treffen, wenn sie erschöpft auf einer Bank hängen und nach ihren Blasenpflastern kramen.
Der Weg beginnt mit An -und Abstiegen.

Wir hatten schon fast vergessen, wie das ist, denn an der Küste mussten wir maximal eine Düne erklimmen. Zwischen uns und dem Frühstück liegen 5 Kilometer. Wir laufen meistens bergauf. Das frühe Starten hat den Nachteil, dass noch alle Café-Bars geschlossen sind.
Jedes Schild Café oder Bar lässt Hoffnung aufkeimen, doch alle sind noch geschlossen. Wir laufen durch kleine Ansiedlungen, bewaldetes Gebiet und weiter bergan. Unser Blick fällt auf ein prächtiges Gebäude, das auf einer weiteren Anhöhe steht. Es ist das Pazo de los Marquise de Mos, der Herrensitz der Adelsfamilie Mos. Es ist ein imposantes Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, dessen Mauern und Rundbogenportale das Wappen der Familie tragen. Das Pazo selbst ist heute ein Kulturzentrum, in dem Veranstaltungen, Ausstellungen und Feste stattfinden. Das alles nehmen wir nur am Rande wahr, was uns wirklich interessiert, ist der Kaffeeduft, der aus dem Gebäude dringt. Wir finden ein gut bestücktes Café, das Frühstück und Snacks anbietet. Drinnen und draußen auf der großen Außenterrasse belagern Pilger aus allen Nationen die Stühle und Tische. Man sieht ihnen an, dass auch sie seit mehreren Kilometern auf einen Kaffee gehofft haben.
Eine einzige Frau bedient die Meute, die in Scharen die Theke belagert. Sie macht das mit erstaunlicher Gelassenheit und Freundlichkeit, nebenbei telefoniert sie noch. Die Atmosphäre ist locker und entspannt. Wir nehmen unser Frühstück stilvoll auf der Palastterrasse, mit Blick auf den Park und hinunter ins Tal. Der Morgen ist kühl, ich habe wieder sämtliche Jacken an und bin damit nicht allein, wie mein Blick auf die anderen Pilger bestätigt. Vor der Toilette treffe ich eine Frau, die mir erzählt, dass sie heute morgen schon über 20 Kilometer gelaufen ist. Wie spät sie denn aufgebrochen sei, frage ich. Um 4:30 Uhr, sagt sie. Der Kaffee hat noch nicht seine volle Wirkung entfaltet und so entgegne ich wenig geistreich: „Da ist es dunkel.“ „Ja!“, bestätigt sie, die ersten Stunden sei sie mit Stirnleuchte gelaufen.
Ich verstehe das nicht. Da läuft man durch ein so schönes Land und sieht nichts. Das hat mich schon vor 3 Jahren auf dem Camino Francés verstört.
Damals liefen die ersten Truppen auch um 4:30 Uhr hoch in die Pyrenäen, die uns Stunden später mit traumhaften Ausblicken beschenkten. Davon haben die Frühstarter nichts gesehen. Ich weiß, dass viele Menschen, von Angst getrieben, den Jakobsweg entlang rasen. Angst vor Hitze, Angst vor Bettmangel, Angst vor sich selbst. Ich fürchte manchmal, dass sie niemals ankommen, selbst wenn sie Santiago de Compostela in Rekordzeit erreichen.
Mich treibt allenfalls die Angst vor Kälte, mein Element ist definitiv die Sonne, die sich jetzt auch endlich wieder zeigt. Ich beginne, mich aus den ersten Schichten zu schälen. Ein Blick in den Pilgerführer verrät, dass es von nun an stramm bergauf geht, bis man hoch oben mit der schönen Jakobskapelle Capela de Santiaguino belohnt wird.


So eine Capela zieht bei mir. Ich habe ein Faible für schöne, kleine Kapellen und laufe beschwingt den Berg hoch. Beschwingt hört nach dem ersten Kilometer auf und geht in routiniertes Stampfen über. Der Weg führt durch bewaldetes Gebiet und gibt erst ganz zum Schluss den Blick auf die Kapelle frei, die von Steinbänken und Tischen umgeben ist. Der beschattete Platz lädt zum Rasten ein. Kein einziger Pilger folgt der Einladung, alle biegen rechts in den Waldweg ein und streben weiter nach Redondela. Ich bin doch nicht hier raufgestiegen, um nicht mal einen kurzen Blick in die Kapelle zu werfen. Schließlich ist sie jeden 25. Juli Ziel einer großen Wallfahrt zu Ehren des Pilgerheiligen. Die Bauweise der Kapelle ist eher schlicht und schmucklos aus galicischem Granit. Sie war über die Jahrhunderte hinweg ein wichtiger Rast-, Andachts- und Gebetsort für die Pilger auf dem Weg nach Norden. Auf dem Altar befindet sich eine große Statue des heiligen Jakob. Leider sehe ich sie nicht, denn die Kapelle ist zu meiner Enttäuschung geschlossen. Das ärgert mich. Ich weiß natürlich, dass es in solch kleinen Orten keinen festen Küster, Priester oder sonstiges Personal gibt, dafür Vandalismus. Das Inventar, die Bilder und die Jakobsstatue müssen geschützt werden. Ich denke an die vielen religiös motivierten Pilger aus allen Teilen der Welt, die eine lange Anreise hatten und nur diese eine Chance haben, einen Blick auf die Statue zu werfen. Auch für mich ist es enttäuschend, ich weiß auch nicht, ob ich jemals wieder in diese Ecke komme. Rechts und links neben dem Eingangsportal gibt es Metallregale, in denen Kerzen brennen, die man kaufen und anzünden kann. Das wirtschaftliche Interesse ist auf jeden Fall vorhanden. Für mich ist das eine unbefriedigende Lösung und ich mache mich auf, den anderen in den Waldweg zu folgen.


Es sind noch ungefähr sieben Kilometer bis Redondela. Der Weg führt durch Wälder, Felder und die Orte A Igrexa und Saxamonde. Hier entfaltet sich die ganze Schönheit Galiciens. In Saxamonde erblicken wir die blütenübersäte Albergue O Corisco, die uns mit einem Kaffee lockt. Wir sitzen im Innenhof und bewundern diese kleine Oase der Ruhe. Es ist eine private Albergue, die mit Liebe zum Detail und einem großen Herz für Pilger von Ana und Oscar geführt wird. Hier hätte ich auch gerne übernachtet.


Für uns geht es jedoch weiter nach Redondela, die Stadt der Viadukte. Unweit eines riesigen Viadukts finden wir unsere Herberge im Zentrum der Stadt. Es ist ein 90-Betten-Schlafsaal. Vor jedem Doppelbett gibt es einen Vorhang, um zumindest einen kleinen Rückzugsraum zu schaffen. Die Herberge ist gut ausgestattet, mit einem Gemeinschaftsraum, Küche, Waschmaschinen und Trocknern. Wir machen von allem Gebrauch.
Nur die Suche nach einem Restaurant am Abend ist erneut schwierig, alles ist schon besetzt durch hungrige Pilger. Dieser Weg ist eine einzige Suche nach Betten, freien Tischen, offenen Kirchen und echten Kerzen.