Am 16. Oktober 2024 sind wir in Santiago de Compostela angekommen. Erschöpft und glücklich, den Camino Primitivo bezwungen zu haben. Er hat es uns nicht leicht gemacht. Schwere Unwetter, steile Berge, Kälte, Nässe und Krankheit hat er uns in den Weg gelegt. Es gab viele Herausforderungen und wir haben uns mehrfach neu sortieren müssen, Pläne gemacht und verworfen, Kilometer immer wieder umverteilt und Strategien entwickelt, auch während des Laufens zu genesen und zu Kräften zu kommen.

Die Geschichte des Ankommens ist rückblickend weniger spektakulär als die Geschichte des Weges. Nachlesen kann man die ganze Story in unserem Buch, das im Dezember erscheint.

Kommen wir zum Anfang, denn während ich kurz das Ende des Asturischen Weges zusammenfasse, befinden wir uns auf dem Caminho Portuguese da Costa. Der portugiesische Jakobsweg, der an der Küste des Atlantik entlang führt. Er läuft von Porto über Vigo nach Santiago. Das ist unser Geschenk an uns selbst. Wird der asturische Weg, der Camino Primitivo, als schwerster Jakobsweg bezeichnet, nennt man diesen hier den leichtesten. Das haben wir uns letztes Jahr verdient, einmal entspannt pilgern.

Gestern sind wir in Porto gelandet. Die Anreise hat unseren Adrenalinpegel heftig in die Höhe schnellen lassen, jenseits von entspannt.

Der Tag fängt lässig an. Unser Flug nach Madrid soll um 11:55 Uhr starten. Gut organisiert, was definitiv nicht meine Idee war, stehen wir schon um 9:15 Uhr am Düsseldorfer Flughafen.

Die Maschine ist pünktlich. Um 11:40 Uhr sitzen wir angeschnallt und startklar im Flieger. „Wieviel Zeit haben wir in Madrid zum Umsteigen für unseren Flug nach Porto?“, fragt Tomegrino. „Eine Stunde und 5 Minuten“, sage ich, „ das sollte reichen.“ „Hoffentlich“, sagt mein Mitpilger . Ich bin wieder mit Optimisten unterwegs, stelle ich fest.

Tomegrino checkt den Air-Tag und nickt zufrieden. „Unsere Rucksäcke sind auch schon im Flugzeug.“ Diese kleinen Tracker, die den Standort des Gepäcks zeigen, sind gut für die Beruhigung angespannter Pilgernerven.

Es ist 12 Uhr, wir stehen noch, obwohl das Boarding schon längst abgeschlossen ist. Worauf warten wir? Um 12:15 Uhr rechne ich das erste mal aus, wieviel von unserer Umstiegszeit schon geschmolzen ist. Ich sage nichts zu meinen Pelerins. Um 12:30 Uhr höre ich einen von ihnen in der Sitzreihe hinter mir „Das wird aber eng“ murmeln. Um 12:37 rollt die Machine an.

Ich bleib dann mal locker. Jetzt fliegen wir zunächst ein paar Stunden, in denen ich dringend mein Schlafdefizit abbauen muss. Das gelingt mir erstaunlich gut, bis wir im Landeanflug erbarmungslos durchgeschüttelt werden. Ich schaue auf die Uhr – 15:00 Uhr, das Boarding für unseren Flug nach Porto beginnt um 15:10 Uhr. Mein Problem hat sich jedoch verlagert und es geht mir primär darum, überhaupt unversehrt unten anzukommen. Das Flugzeug scheint ein Spielball fremder Mächte zu sein. Vor ein paar Jahren hatte ich meine Flugangst erfolgreich abgelegt – jetzt springt sie mich umvermittelt an und ich erkenne plötzlich ihre Daseinsberechtigung.

Ich will das nicht, Flugangst ist so gar nicht kompatibel mit meiner Nomadenseele. Ich atme mich zur Ruhe, soweit es möglich ist, und irgendwann, nach mehreren Ewigkeiten, sind wir unten.

Bienvenido a Madrid. Gracias a Dios. Gott sei Dank. Ich wische mir noch verstohlen den Angstschweiß von der Stirn, da stehen schon alle Pelerins im Gang, entschlossen, einen Sprint von Gate J zwanzigirgendwas bis K hinzulegen. Die Tür öffnet sich noch nicht, aber eine Frau drängt entschlossen von hinten durch, weil sie ihren Flug nach Vigo nicht verpassen will. „Wann geht denn Ihr Flug?“, frage ich. Sie wedelt mit ihrer Boardingkarte vor meiner Nase: 15:20 beginnt ihr Boarding. Na – das ist doch easy. Unseres hat gerade angefangen und wir stecken noch im Gang dieses Flugzeugs. Jetzt öffnet sich die Tür, wir stürmen hinaus. Im Laufschritt entlang der Gates J26 bis gefühlt 230, bevor K auftaucht. K 71 rufe ich den anderen zu. Froggy gibt ihr bestes trotz ihres Hüftproblems, dann sitzen wir alle im kleinen Flugzeug nach Porto und heben ab.

„Ob unsere Rucksäcke es auch geschafft haben?“, fragt Chora. Ich habe niemanden mit 5 Rücksäcken über das Rollfeld rennen sehen.

„Wenn wir Glück haben, aber das wäre fast ein Wunder“, antworte ich. Eine Stunde später warten wir vergebens am Kofferband in Porto. Eine Abfrage beim Airtag zeigt, dass unsere Rucksäcke noch in Spanien sind. Eine Online Gepäckanfrage bei der Fluggesellschaft bestätigt es und stellt uns ein Eintreffen des Gepäcks mit dem nächsten Flug um 20 Uhr in Aussicht. Eine weitere Anfrage am Infocenter führt zum selben Ergebnis. Draußen ist das schönste Wetter und wir sollen 3 Stunden in der Gepäckhalle absitzen? Ich frage nach, ob wir die Hallen verlassen und wieder reinkommen können. Das sei möglich, wenn ich die Nachricht der Airline vorzeige.

Prima, denn unsere Gastgeberin Paula hat uns angeboten, schon ins Haus zu kommen und sie würde uns später wieder zum Flughafen fahren, um das Gepäck einzusammeln.

Es folgt eine Kamikazefahrt mit einem ortsunkundigen Taxifahrer, der mehrfach im Kreisverkehr die Abfahrt verpasst, in Wege einbiegt, nur um sie wieder zu verlassen und mir wiederholt den Zettel mit der Adresse entreißt. Sein Navi versteht ihn offenbar nicht. Ich auch nicht. Er liest die Adresse vor, aber das Navi will woanders hin. Er will tippen, gibt aber wieder auf. Irgendwann rast er auf Sicht, mit einem Blick auf meinen kleinen Kartenausdruck. Beinahe wäre er am Haus vorbeigeschossen, aber Paula steht schon draußen und winkt .

Sie zeigt uns das Haus. Es ist ein Traum, das Mugnano House Aveleda. Eine traditionelle portugiesische Villa, von Paula und ihrem Mann liebevoll renoviert und dekoriert. Die Wände sind himmelblau, die Böden mit Mosaik, Gardinen aus Leinen mit Stickereien. Die 122 qm und zwei Badezimmer haben wir ganz für uns allein und freuen uns. Leider müssen wir morgen früh wieder los, deshalb verwerfen wir jeden Gedanken daran, Essen zu gehen und beschließen, zu kochen und die Zeit im Haus zu genießen.

Alle außer Tomegrino, der muss nämlich mit Paula unser Gepäck abholen. Es ist komplizierter, als uns in Aussicht gestellt wurde. Um 20:30 Uhr schreibt er: „Es ist doch nicht so einfach. Habe einen Spezialpass bekommen und warte auf Begleitung.“ Eigentlich eine gute Sache, dass nicht jeder einfach so irgendein Gepäck abholen kann. Aber wir sind nicht jeder und es ist nicht irgendein Gepäck, sondern unser wichtigstes Equipment, unsere Pilgerrucksäcke!

Um 20:53 Uhr erreicht uns ein Bild mit einem Trolly, auf dem unsere Rucksäcke liegen. Das Essen ist schon lange fertig, aber Froggy besteht darauf, auf Tomegrino zu warten. Ich habe Hunger und klaue schon mal ein paar Oliven vom Tisch. Großes „Hallo“ vorm Haus, als ich mich auf meinem dritten Diebesgang in die Küche befinde.

21:20 Uhr, Saúde – wir stoßen an auf einen ereignisreichen Tag.