Schräg unter mir hustet sich Brasilien in den Tagesanbruch. Ich brauche ein paar Minuten, um mich zu orientieren. Wo bin ich? Wer sind die anderen, die leise raschelnd den Tag beginnen? Die Erinnerung an den gestrigen Tag tritt gleichzeitig mit der Hoffnung auf eine Spontangenesung in mein Bewusstsein. Letztere verpufft, sobald ich mich aufrichte, und macht stechenden Kopfschmerzen Platz. Na prima, das brauche ich nun wirklich nicht. Krank auf dem Jakobsweg ist sowas von unnötig und ärgert mich gewaltig.
Das Zimmer leert sich. Alle verschwinden zum Frühstück und ich bin die letzte, die überfordert den Inhalt ihres Rucksacks sondiert. Alles ist verlangsamt und braucht viel Zeit. Die Auswahl an Kleidungsstücken ist sehr begrenzt und trotzdem kostet es mich eine Ewigkeit, mein heutiges Ensemble zusammenzustellen.
Ich trete in den Frühstücksraum und sehe Chora das üppige Büffet inspizieren. An ihrem Gesicht erkenne ich, dass sie mit der Auslage zufrieden ist.
„Hey – es gibt Kaffee“, ruft Fleur, als sie mich sieht und winkt begeistert mit ihrer Kaffeetasse. Leider kann ich ihre Begeisterung nicht teilen. Schon der Gedanke an Kaffee ruft Übelkeit hervor. Ich entscheide mich für Orangensaft. Unschlüssig lasse ich meine Augen über die angebotenen Köstlichkeiten wandern und kann mich für nichts richtig erwärmen. Allenfalls Obst, das stößt nicht auf Ablehnung, als ich in mich hineinhorche.
„Du trinkst keinen Kaffee“, ungläubig schaut Tomegrino auf die Auswahl, die ich zum Tisch trage, „dann bist Du auf jeden Fall krank! Außerdem siehst Du echt fertig aus.“ Noch mehr der aufbauenden Worte und ich lege mich sofort wieder hin, denke ich. Chora schlägt vor, dass ich den Joghurt mit Öl und Honig anreichere, damit ich „wenigstens ein paar Kalorien zum Verbrennen“ habe. Ich gebe alles, mische im Verhältnis 1:1.
Ich habe Glück, denn heute stehen nur 20 Kilometer auf dem Plan. Nach 26, 32, 30 in den letzten drei Tagen wollen wir es mal ruhig angehen lassen. Morgen sollen es dann wieder 33 Kilometer sein. Zwanzig schaffe ich, rede ich mir selbst gut zu. Das Streckenprofil ist gemäßigt, lediglich einen Pass von 700 m gilt es zu überwinden, danach geht es 400 Höhenmeter bergab bis nach Melide. In Melide trifft der Camino Primitivo auf den Camino Francés, von dort ist uns die Strecke bekannt, aus dem letzten Jahr. Allerdings ist sie ab dort auch deutlich voller. Der Camino Francés ist der bekannteste und am meisten besuchte aller spanischer Jakobswege. Besonders auf den letzten 100 Kilometern trifft man ganze Busladungen von Pilgern an, denn viele Reiseveranstalter haben hier ein Geschäftsmodell entwickelt.
Nach kurzem Überlegen schlage ich vor, uns in Melide eine Ferienwohnung zu buchen. Ich halte es für verantwortungslos, meine Krankheitskeime oder was immer mich befallen hat, in eine Herberge zu tragen und womöglich noch andere Pilger anzustecken. Ich finde eine große Ferienwohnung mit drei Schlafzimmern. So kann ich mich auch von meiner Gruppe isolieren.
Zurück im Zimmer stehe ich vor dem Inhalt meines Rucksacks, den ich vor mir auf dem Boden ausgekippt habe. Ich kann mich nicht konzentrieren, grüble verzweifelt, in welcher Reihenfolge ich die Klamotten sonst eingepackt habe. Währenddessen erklärt mir die Brasilianerin unvermindert hustend, dass sie heute nur 5 Kilometer laufen werde. Sie hat es richtig erwischt. Ich bin dankbar, dass ich keine Erkältung habe, das würde mich noch mehr nerven. „Buen Camino!“, wünsche ich, als sie sich auf den Weg macht.

Wieder bin ich die letzte, die den Raum verlässt. Der Rucksack ist gefühlt doppelt so schwer wie gestern schon. Mit zitternden Beinen mache ich mich auf den Weg. Nebel hängt in der Luft bis in den kleinen Fluss, den wir über eine alte Brücke passieren.

Langsam verfärbt sich der Nebel golden im Licht der aufgehenden Sonne. Vor uns erhasche ich einen Blick auf Vater und Sohn, bevor der Nebel sie verschluckt.
Es ist Sonntag, das Dorf schläft noch. Ein Hund schaut neugierig um die Ecke, um dann wieder gelangweilt abzudrehen. Man liest immer wieder, dass Pilger von Hunden angefallen oder bedroht werden.
Das ist uns bisher noch nicht passiert, meistens heben sie nur kurz den Kopf und dösen dann desinteressiert weiter.
„Die Wolken hängen heute tief“, sagt Tomegrino. Ja, ich spüre es, ich laufe darauf. Zumindest fühlt es sich so an, wie Watte. Und in meinem Kopf ist sie auch, diese Watte oder die tiefhängenden Wolken. Jedenfalls hat sich irgendwas zwischen mich und die Realität geschoben. Alles erscheint irgendwie unwirklich und ich laufe so vor mich hin.

Es soll eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert geben, die Igrexa de San Salvador de Merlán. Das ist momentan mein Etappenziel. Die Menschen, die auf dem angrenzenden Friedhof vor über hundert Jahren bestattet wurden, sollen alle ein Alter zwischen 80 und 90 Jahren erreicht haben. Ihre Lebensbedingungen in diesem Landstrich waren sicher viel härter als heute und sie sind trotzdem sehr alt geworden. Das gibt mir zu denken. Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass unsere verweichlichten Körper kaum noch Impulse bekommen, die sie in einen Überlebensmodus puschen, und deshalb schneller krank und altersschwach werden. Da bin ich heute ja gut aufgestellt, denn ich bin gefühlt sehr tief im Überlebensmodus.
Ich bin sogar so vertieft darin, dass ich die Kirche verpasse. Ich brauche ein neues, erreichbares Ziel, damit ich die Strecke gedanklich einteilen kann. Zunächst einmal geht es über den Pass, die Sonne scheint und mein Schatten läuft vor mir her. Mein neues Etappenziel erscheint ganz unvermittelt hinter der nächsten Kurve.


Eine Brücke führt über einen Fluss, das Wasser rauscht und es gibt einen Platz in der Sonne. Ich setze mich auf einen Stein und schaue dem Wasser beim Fließen zu. Manche Menschen werden in schwierigen Lebenssituationen religiös, bei mir stellt sich ein Hang zum Spirituellen ein. Mit geschlossenen Augen stelle ich mir vor, wie der Geist des Wassers durch mich hindurchfließt und mich reinigt von allen krankmachenden Eindringlingen. Danach breite ich meine Isomatte aus und versuche, die Kraft der Sonne aufzusaugen. „Du solltest etwas essen“, höre ich Choras Stimme zu meiner inneren Stille durchdringen. Ja klar, sie hat recht. Ich schaue mir die gut gemeinte Auslage an, die alle aus ihren Rucksäcken gezaubert haben. Apfel geht, sonst nichts.
Es wird kühl, als der Schatten des Baumes unsere kleine Sonneninsel frisst. Da hilft nur weiterlaufen. Mehrfach treffen wir auf Kuhherden, die von Bauern zur nächsten Wiese getrieben werden. Manchmal stehen sie auch im Stall oder auf einer Wiese und beobachten uns kauend.
Die Strecke ist viel abwechslungsreicher als gestern und trotzdem erscheint es mir wie eine Ewigkeit, als wir endlich Melide erreichen. Vom Ortseingang bis zur Ferienwohnung sind es noch ein paar Kilometer. Es ist Sonntag und viele Geschäfte sind geschlossen. An einer Bar sehe ich ein paar bekannte Pilgergesichter vor einem Bier sitzen. Das will ich auch. „Wie wäre es mit einem Bier?“, frage ich die Truppe. Die Mitpilger schauen verblüfft. „Du trinkst doch gar kein Bier?“ „Keine Ahnung, was das ist“, gebe ich zurück und wundere mich ja selbst über dieses seltsame Gelüste. Egal, der Körper ruft „Bier“ – vielleicht erwacht der Mönch in mir – also her damit.

Dann geht es zur Ferienwohnung und sobald mein Körper das Bett sieht, ruft er „Schlafen.“ Chora kocht eine Tomatensuppe, das Einzige, was ich zur mir nehmen möchte. Mir ist kalt und ich setze mich mit dem Rücken an den Heizkörper, doch mir wird nicht warm. Ich wünsche mir noch einen Heizkörper von vorne, so dass ich wie ein Toast zwischen zwei Heizplatten sitzen könnte. Schon verrückt, was man so denkt.

Es gibt eine Krisensitzung mit der Truppe. Tomegrino hat den Eindruck, ebenfalls krank zu werden. Den morgigen 33 Kilometern fühle ich mich keineswegs gewachsen. Wir beschließen, die Strecke noch mal anders zu teilen und nur 15 Kilometer zu laufen. Pilger müssen rechnen können, soviel steht fest. Wie häufig mussten wir die Strecke kalkulieren, neu planen und Durchschnittsgeschwindigkeiten bergauf und bergab in Betracht ziehen. Die Unterkünfte liegen oft weit auseinander und sind nicht so üppig angelegt, wie man das von anderen Pilgerrouten kennt. Aber hier, ab Melide, sind wir auf der Autobahn der Pilger. Ab hier könnte es nur aufgrund von Massenaufkommen eng werden mit den zur Verfügung stehenden Betten. Bevor mich die unglaublich brutalen Kälteschauer wieder unter die Bettdecke treiben, buche ich noch eine Ferienwohnung in Arzua. Wir wollen uns weiterhin von den anderen Pilgern fernhalten. In der Nacht kommt die Hitze und ich träume von einem riesigen Toaster.

