Der Respekt vor der heutigen Etappe könnte größer nicht sein.

Der Camino Primitivo, der urprüngliche Weg, ist einer der ersten historisch belegten Jakobswege der Welt. Es war König Alfons II. von Asturien, der schon im 9. Jahrhundert als erster Pilger zum Apostelgrab nach Santiago lief. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir folgen. Der Weg führt vom Kantabrischen Gebirge durch die Bergketten von Galizien. Die Härte des Weges ist Grund dafür, dass hier keine Pilgerscharen anzutreffen sind. Besonders auf die „Ruta de los hospitales“, von Borres nach Berducedo, begeben sich nur wenige. Im Winter ist sie nicht begehbar und deshalb gibt es noch einen unteren Weg, der aber wesentlich länger ist.

Wir wollen das volle Erlebnis und sollen es auch bekommen.

In der Morgendämmerung brechen wir auf. Proviant und Wasser sind im Gepäck, denn die Strecke ist fast 30 Kilometer lang, im Mittelteil von 26 Kilometern gibt es nichts. Nichts heißt wirklich nichts. Kein Haus, keine Hütte und erst recht keine Verpflegungsstation. Der Weg gilt als beschwerlich, da der größte Teil über 1000m liegt und den Witterungseinflüssen stark ausgesetzt ist. Im Mittelalter gab es für die Pilger dort oben mehrere „Hospitales“, die sowohl als Unterkunft als auch zur Krankenversorgung dienten. Heute sind es nur noch Ruinen, doch man spürt den Geist der Anfänge des Pilgerns.

Nebel liegt im Tal, als wir uns an den 1200m hohen Aufstieg machen. Einen letzten Kaffeeautomaten gibt es hinter Borres, dann empfängt uns die einsame Natur. Es geht stetig bergan. Immer höher steigen wir gleichzeitig mit der Sonne. Die Blicke ins Tal lassen uns immer wieder begeistert verharren.

Unterwegs stoßen wir auf schwarze Bäume, Zeichen eine Waldbrandes. Ich frage mich, wie die Bomberos (Feuerwehrmänner) wohl hier hochgekommen sind. Der Himmel beginnt sich zu verdunkeln. Nein – ich will das nicht akzeptieren. Die ersten Tropfen beginnen zu fallen und ich muss kleinlaut meinen Knisterponcho wieder anziehen. Keine Sekunde zu früh, denn sofort fällt heftiger Regen und der Wind nimmt Fahrt auf.

Der Wind meint es richtig ernst und stellenweise fällt es mir schwer, auf den Füßen zu bleiben. Ich sehe meine Mitpilger auch immer wieder ungewollt von der Strecke abkommen. Entschlossen kämpfen wir uns Meter für Meter voran. Der Wind zerrt dermaßen an meinem Poncho, dass er mir immer wieder vor das Gesicht klappt und mich in Dunkelheit hüllt, bis ich mich wieder ans Tageslicht gekämpft habe.

Fleur sieht teilweise aus wie eine rosa Seifenblase, der Wind ist unter ihren Poncho gefahren, bläst ihn auf und lässt sie fast abheben. Chora trägt trotzig ihren abgeknickten Schirm, der Sturm hat schon den Regenschutz von ihrem Rucksack gerissen und fortgetragen.

Auf einer Anhöhe entwickelt der Sturm eine derartige Kraft, dass wir uns gerade noch zu einer Baumgruppe flüchten können, um uns an die Stämme zu klammern.

Ich stehe etwas entfernt von den anderen und sehe, wie sich ihre Münder bewegen, aber die Worte werden fortgetragen, bevor sie mein Ohr erreichen.

Mir ist kalt. Ich kann hier nicht länger stehen. Heftiger Regen setzt ein, ich beschließe, es irgendwie um die nächste Kurve zu schaffen. Dort liegt das „Hospital de Paradiella“ auf 1007 Meter, was mir auch die extreme Kälte erklärt. Enttäuscht stelle ich fest, dass von diesem Hospital nur noch ein Steinhaufen übrig ist. Egal, ich muss noch eine Schicht Kleidung anziehen. Es widerstrebt mir, anzuhalten und den Rucksack abzulegen, aber Erfrieren ist die schlechtere Option. Ich bin nass, die Hose klebt an meinen Beinen und ich zittere, als ich mit steifen Fingern meine warme Jacke aus dem Rucksack fische.

Jetzt trage ich fast alles, was der Rucksack hergibt, und fühle mich schon deutlich besser. Sofort bin ich motiviert weiterzulaufen. Krokusse wachsen auf den nassen Wiesen. Die Berge um uns herum liegen weichgezeichnet hinter einem Regenschleier.

Das nächste Hospital ist erreicht: „Hospital de Fonfaron“, hier steht sogar noch ein Rest eines flachen Gebäudes. Ich schaue hinein, in der Hoffnung, mich vor dem Sturm zu schützen, aber es ist kniehoch mit Matsch und Kuhdung gefüllt. Scheinbar suchen die freilaufenden Kühe hier Unterschlupf. Ich kann mich hinter eine kleine Mauer flüchten. Tomegrino und Fleur stoßten dazu und wir beschließen, einen Apfel zu teilen. Für ein ausgedehntes Picknick ist es einfach zu ungemütlich.

Schon nach kurzer Zeit kriecht mir die Kälte wieder unter meine sieben Schichten und ich verabschiede mich von meiner Gruppe. Mein Poncho und ich flattern allein bergauf und vertreiben mit unserem Anblick prompt eine Herde freilaufender Pferde.

Ich passiere den mit 1220 Metern höchten Punkt des gesamten Camino Primitivo und lasse meinen Blick schweifen. Der Regen hat nachgelassen, der Blick auf die grüne Landschaft hinter mir und die eher karge Landschaft vor mir wird frei. Was für ein Anblick, trotz des kräftezehrenden Aufstiegs erfüllt mich eine Freude und eine große Ehrfurcht in Gedanken an die Pilger, die zu weniger guten Bedingungen in den Anfängen des Pilgertums diesen Weg gegangen sind.

Langsam mache ich mich an den Abstieg zum Wasserloch am Fuß des Pico Marta. Die Sonne lässt sich blicken, als wolle sie mich mit dem Tag versöhnen. Wolken spiegeln sich auf der Wasseroberfläche. Über loses Gestein geht es nun mal bergauf und wieder bergab bis zum Pass „Puerto del Palo“.

Am Fuße eines Abhangs ist es sonnig und windstill, wir lassen uns nieder, um endlich unsere mitgeschleppten Vorräte zu vernichten.

Dann wird es ernst mit dem Abstieg, teilweise läuft das Wasser mit uns über matschige Wege ins Tal und wir müssen uns unseren Weg durch diese kleine Flüsse bahnen. Immerhin ist es jetzt trocken von oben und der Wind hat sich gelegt. Nach 10 Stunden und 50 Minuten erreichen Fleur und ich Berducedo.

Da wir noch keine Unterkunft haben, fragen wir in der zweiten Herberge nach „quatro camas“, vier Betten, und werden aufgenommen. Tomegrino und Chora laufen zunächst erschöpft vorbei und checken woanders ein.

Schließlich finden sie uns doch noch. „Was für ein Tag“ – denken wir, als wir bei Spaghetti und Bohnen in der Gemeinschaftsküche zusammen hocken.

Wir feiern unseren Weg über die Ruta Hospitales, den wir unter erschwerten Bedingungen bewältigt haben.