Touch down in Oviedo, Azurien.

Die Landung ist etwas unsanft und alle Passagiere im Flugzeug schreien erschrocken auf.

Ich könnte auch schreien, aber eher wegen dichter Regenwollken, aus denen es unablässig schüttet.

Es geht auf den Camino Primitivo, den ältesten der fünf Jakobswege in Spanien. Die Strecke ist zwischen 305 und 360 Kilometer lang. Genau weiß man es nicht. Der Grund sind Alternativrouten, die man wählen kann, um entweder schwierige Streckenabschnitte zu umgehen oder besondere Sehenswürdigkeiten aufzusuchen.

Wir haben uns noch nicht entschieden, da manche Routen auch von den Wetterverhältnissen abhängen.

Und da sind wir dann gleich beim Wetter. Als wir vom Flughafen mit dem Bus in die Stadt fahren, lässt der Himmel nichts Gutes verheißen. Direkt nach Verlassen des Busses verhüllen wir die Rucksäcke und uns selbst in einen leuchtenden Regenschutz.

Tomegrino führt uns durch mehrere Gassen zur Kathedrale. Ganz klassisch holen wir uns hier den ersten Stempel. Für die Besichtigung des Schweißtuchs von Jesus will man allerdings 8 Euro vom armen Pilger. Die Zeit drängt und für einen kurzen Blick auf das Läppchen wollen wir nicht den Preis eines Pilgermenüs zahlen.

Die Geschichte dieses Tüchleins ist wie so oft eine rein menschliche, gespickt mit heiligem Neid und Missgunst. Aus dem 11. Jahrundert ist der Spruch: „Wer zum Grab von Jakobus geht ohne Christus, dem Erlöser, die Ehre zu erweisen, der besucht den Diener, aber nicht den Herrn.“ Schlau eingefädelt, denn der Camino Frances, der über Leon und Burgos führt, wurde immer populärer. Pilger bringen Geld, Oviedo sah seine Geldquelle versiegen und einen Weg, den Pilgerstrom anzulocken. Hat dann leider doch nicht geklappt. Der Camino Primitivo, der hier beginnt, ist zwar der älteste aller Jakobswege, aber auch der schwerste. Besonders die Ruta Hospitales, die wir geplant am sechsten Tag erreichen werden, verlangt viel vom Pilgerbein. Von Meeresnivau geht es immer wieder auf 1000 Meter Höhe und wieder hinab. Insgesamt legt man über 10000 Höhenmeter zurück. Davor haben auch wir Respekt.

Hinaus aus Oviedeo geht es auch schon sofort hinauf, vorbei an einer am ehemaligen Haus für Leprakranke „San Lazaro de Paniceres“, aber meine Neugier fällt dem Regen zum Opfer.

Bei Kilometer 15 muss ich kaptiulieren und einen Boxenstopp an einer Kirche einlegen. Inzwischen kleben die Klamotten klatschnass am Körper. Ich ziehe mich aus – bis auf die Unterhose. Ehrlich gesagt, inklusive Unterhose. Ich habe meine Garderobe knapp kalkuliert wegen des zu tragenden Gewichts. Doch es bleibt mir nichts anderes übrig, als das Outfit von übermorgen zu tragen. So weit war ich meiner Zeit noch nie voraus.

Lediglich die einzig verbliebene lange Hose bleibt im Rucksack, es wird in kurzer Hose weiter gelaufen. Sind die Beine nass, sind sie nass, ob mit oder ohne Hosenbein.

Meine Mitpilger quietschen und blubbern in ihren nassen Wanderschuhen vor mir den Berg hinauf. Ich will gerade ein Loblied auf meine Schuhe anstimmen, als ein illegaler Wasserfall die Straße runterläuft und auf meine Schuhe trifft. Jetzt blubber ich auch.

Es geht vorbei an Kühen und Eseln, die uns mitleidig ansehen. Immerhin stehen sie auf saftig grünen Wiesen. Überhaupt ist es hier sehr grün, wie ich durch die Tropfen an meinen Augenwimpern erkenne.

Nach einer Weile taucht ein Schild auf: „Villa Pallatina“. Ich erinnere mich, dass wir dort unsere Betten gebucht haben, Fleur bestätigt das erfreut. Mit wiederauflebender Kraft gehen wir auf das Café zu doch der Spanier, der uns empfängt, meint: „Nein, das ist nicht das Hostel, das ist nur das Café, das Hostel war 4 Kilometer zuvor, Ihr müsst vorbeigelaufen sein.“

Schockstarre in der tropfenden Truppe.

Dann zwinkert der Charmeur und sagt: „Setzt Euch, ich hole kurz die Unterlagen zum Einchecken.“

Wenig später zeigt er uns unsere Betten in einem kleinen Schlafsaal, den wir uns nur noch mit Glen teilen, einem Briten, den wir später beim Essen noch besser kennenlernen.

Wir haben alle zusammen einen wunderschönen Abend und erzählen uns gegenseitig, wie wir heute die sintflutartigen Regenfälle überstanden haben.

Die Steigungen waren kein Thema.

22,85 Kilometer