Leider gibt es kein Patentrezept, um den Königsweg zum glücklichen Tag zu beschreiben, aber eine Idee habe ich: es sind doch die menschlichen Begegnungen die zählen- oder?

Man läuft ja auf dem Camino so vor sich hin. Manchmal hat man gute Laune, manchmal hat man schlechte Laune.

In Cacabellos sitzt eine bunte Truppe vor der sehr pilgerfreundlichen Albergue Gil. Das Wetter ist sommerlich, bunte Geranien ranken noch üppig von den Fensterbänken, Sonnenschirme stehen vor den runden Tischen:  aber meine Laune ist extrem schlecht. Von Corona geschwächt, überlege ich, ob ich es den Menschen zumuten kann, mit mir diesen wundervollen Spätsommerabend zu genießen. Die Menschen sind so interessant und da wir draußen sitzen, wage ich es.

Ich nehme eine coole Type zur Linken wahr. Nicht mehr ganz jung, trägt Hut und runde Nickelbrille. Er  hat Ähnlichkeit mit van Gogh.  Am Tisch lehnt ein beeindruckender Wanderstock. Ich frage ihn, ob dieser eine besondere Bedeutung hat. Wir haben leichte Verständigungsprobleme. Entweder hört er mich nicht- oder ich bin Banane, was in Anbetracht meines Zustandes nicht verwunderlich wäre. Ich nehme so viel mit: der Pilgerstab ist aus Holz selbst geschnitzt und nicht zum ersten Mal auf dem Camino.

Ich bin irritiert. Anscheinend merkt man mir das an. Eine sehr sympathische Pilgerin zur Rechten, nennen wir sie Barbara, erklärt mir: Peter hat den Camino schon 9 mal bewältigt und hat viel zu erzählen. Da frage ich mich: wer macht so was, so oft die gleiche Erfahrung und warum? Mein Interesse ist geweckt.

Wie ich schon erwähnte, läuft man an einem üblichen Pilgertag so vor sich hin. Irgendwo im Nirgendwo überholt mich Peter. Wir lächeln uns unsicher zu. Schließlich habe ich ihn neulich nicht verstanden und er mich wahrscheinlich auch nicht. Einige Zeit später laufe ich an ihm vorbei. Das Spiel wiederholt sich. Pausen darf man sich nicht erlauben, man gerät sofort in den Rückstand. So hängen wir uns immer wieder ab.

Bis zum Tag X. Er nähert sich mir und singt: „Black Birds singing in the dead of night…“

Ich setze ein: „ take this broken wings and learn to fly…“

Das ist der Auftakt einer intensiven Begegnung. Wir laufen durch die Prärie. Ich stelle Fragen zu seinem bisherigen Leben. Ich möchte wissen, wie zum Henker man auf die Idee kommen kann, diesen Weg 9 Mal zu laufen. Er berichtet von seinem Leben, seinen Lieben und Leidenschaften, seinen Erfolgen und Misserfolgen. Ich auch. Es geht um „Sex and drugs and rock´n roll“.  Seine Erinnerungen an seine Zeit als Frontman einer Band und seiner Suche nach dem Paradies. Das kann ich gut verstehen, wer sucht es nicht, die perfekte Verführung:  wie Adam und Eva.

Wir sind so vertieft im Gespräch, dass wir vom Weg abkommen. Nach einer Weile frage ich ihn: „Sind wir schon im Paradies angekommen?“ Daraufhin lächeln wir uns an. Dieser vertraute Moment ist schön und nur zögerlich suchen wir wieder den Anschluss an den Pilgerstrom.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine sehr private Begegnung war, die mich lange begleiten wird.

Ich bin mir genauso sicher, dass die Geschichten von Peter Camino viele mit mir teilen.

Ich hoffe, sie fühlen sich genau so gut wie ich mit dieser Erfahrung. Vorbehaltlich etwaiger Schutzrechte anbei unser Lied:

Blackbird singing in the dead of night
Take these broken wings and learn to fly
All your life
You were only waiting for this moment to arise

Blackbird singing in the dead of night
Take these sunken eyes and learn to see
All your life
You were only waiting for this moment to be free*

Ich habe Peter gefragt, warum er sich dem Weg immer wieder stellt. Die vielen Geschichten, die er erlebt hat, haben ihn geprägt. Jedes Jahr überlegt er von Neuem, ob er sich nochmal auf den Weg machen soll. Packt dann seinen  Rucksack mit bescheidenem Gepäck und geht los. Für ihn ist es eine Herausforderung und auch eine Bestätigung, es immer wieder zu schaffen. Der Charme der Landschaft und der Menschen, denen er unterwegs begegnet, motiviert ihn. Er stellt den Menschen kluge Fragen, wie z. B. , ob man wirklich alles braucht, was man so mit sich herumträgt- und welche Dinge die wirklich wichtigen sind im Leben. Er fragt Dich mit offenem Blick: „Was bereitet Dir Freude, was lässt Dich morgens aufstehen ?“ Und Du überlegst.

Er hat mich daran erinnert , mit wie viel wenig man glücklich ist und ich schwöre, bei der nächsten Pilgertour ist mein Rucksack noch leichter.

Wir haben uns auch über kritische Entwicklungen ausgetauscht, die ihn nachdenklich stimmen. In den vielen  Jahren, die er auf dem Camino läuft, hat sich Einiges geändert, leider nicht alles zum Vorteil. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

* Der Song wurde von den Beatles in den späten 60er Jahren anlässlich der Bürgerrechtsbewegung in Amerika komponiert. Und welche Musik lege ich wohl heute auf, wenn mich meine Gedanken auf den Camino ziehen? Ganz genau…und dann tanze ich!