Bis auf das Summen der Mücken hört man nichts in der Nacht. Briallos ist der ruhigste Ort, denn hier ist nichts. Die Herberge liegt abseits des Pilgerweges und weit von einem Ort. Man hört auch kein Auto, keinen Hund und nicht einmal das Schnarchen anderer Pilger, denn außer uns sind nur noch drei weitere Pilger im Schlafsaal. Die meisten Betten bleiben leer.
Am nächsten Morgen bedeutet diese Abgeschiedenheit, dass wir erst einmal laufen müssen, bevor es Frühstück gibt. Es ist ein schöner Weg entlang der Weinberge. Hinter mir höre ich, wie Froggy ihre nicht unbeträchtliche Anzahl an Mückenstichen zählt. Nach einer Stunde erreichen wir Caldas de Reis, den Ort, der das eigentliche Etappenziel gewesen wäre.
Es ist der 15. August 2025, Maria Himmelfahrt, und in ganz Spanien ein Feiertag. In vielen Orten wird heute die Marienstatue durch die Straßen getragen, es gibt Feuerwerke, Tanzveranstaltungen und Konzerte.
Von weitem wirkt der Ort jetzt, um kurz vor neun Uhr morgens, noch sehr verschlafen und ruhig. Wir suchen eine Bar, ein Café oder irgendein Restaurant, das Frühstück verkauft. Es ist vieles geschlossen, die Straßen sind menschenleer. Wir hören nur unsere eigenen Füße auf dem Pflasterstein.
Umringt von Palmen steht erhöht auf einem Platz die Kirche; die Sonne steigt langsam hinter den Häusern auf. War der Ort gerade noch grau, beginnt er nun zu leuchten. Die stattliche Kirche ist dem Heiligen Thomas Becket von Canterbury gewidmet. Als wir hineingehen, versuche ich herauszufinden, wer dieser Heilige war. Ein Erzbischof von Canterbury und Kanzler von England, dem hier in Galizien eine Kirche gewidmet wurde – das macht mich neugierig.


Während die anderen noch ihre Pilgerpässe stempeln, suche ich nach weiteren Informationen. Thomas Becket war im 12. Jahrhundert eine sehr einflussreiche Persönlichkeit in Europa, geriet jedoch mit König Heinrich II. von England in einen erbitterten Streit über die Macht der Kirche.
Der Erzbischof wollte die Kirche nicht unter die Herrschaft der Krone stellen und musste bald aus England ins Exil nach Frankreich fliehen. Was dann folgte, lässt sich nicht einwandfrei belegen, aber es liegt der Verdacht nahe, dass er plante, nach Santiago de Compostela zu pilgern. Es sollte eine starke Botschaft sein und zeigen, dass er nicht Macht, sondern Glauben suchte. Bis nach Santiago ist er offenbar nicht gekommen; Teile des Pilgerweges scheint er jedoch gegangen zu sein. Grund dafür könnte der göttliche und rechtliche Schutz sein, den politisch Verfolgte auf dem Jakobsweg – als heiligem Weg – genossen. Wenn jemand einem Pilger Leid antat, wurde er exkommuniziert.
Ich denke aber, dass es bequemere, geschütztere Orte als den Jakobsweg gab. Manch einem Straßenräuber war es sicher egal, ob er wiederholt exkommuniziert wurde, und für Wiederholungstäter und Berufskriminelle wäre diese Drohung ebenso wirkungslos.
Die Wege damals verliefen über alte Römerstraßen und Trampelpfade, die äußerst holprig waren. Teile davon kann man heute noch sehen. Brücken gab es kaum, und manch ein Pilger ertrank beim Überqueren eines Flusses. Die Schlafplätze in Klöstern und Herbergen bestanden aus Stroh auf dem Boden, das Essen war schlecht, und die Hygiene blieb auf der Strecke.
Wenn Thomas Becket das wirklich alles auf sich genommen hatte, muss sein Glaube stark – oder seine Angst vor seinen Feinden groß – gewesen sein. Vielleicht war er auch Pilger und Flüchtling. Jedenfalls hielt er an seinem Kampf für den Glauben fest und wurde 1170 von den Rittern des Königs ermordet, nachdem er nach Canterbury zurückgekehrt war.
Europa war entsetzt, und nur drei Jahre nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen. Jetzt erinnerte man sich in Caldas de Reis an den Pilger, der dort die heißen Quellen aufgesucht haben soll, und widmete ihm diese Kirche.

Draußen treffen wir auf einen hölzernen Peregrino, der uns den Weg weist. Wir hoffen, dass er an einem geöffneten Lokal vorbeiführt. Eine Gruppe jugendlicher Pilger sitzt auf dem Gehsteig; es werden Blasenpflaster verteilt. Ich finde es erstaunlich, wie viele sehr junge Menschen auf dem Pilgerweg sind – auch Familien mit kleinen und großen Kindern, selbst mit erwachsenen Kindern. Gerade bei den Italienern scheint der Jakobsweg eine Art Familienprojekt zu sein, das jedes Jahr angegangen wird.
Oft sind sie in großen, manchmal versprengten Gruppen unterwegs. Ich überlege, was es wohl mit mir gemacht hätte, wäre ich schon als Kind mit meinen Eltern auf den Jakobsweg gewandert. Nur mit dem Nötigsten im Gepäck, wochenlang in der Natur unterwegs, in simplen Herbergen zur Übernachtung. Egal was kommt – es wird am nächsten Tag weitergelaufen, Probleme werden unterwegs gelöst, und manches Problem löst sich von selbst. Ich glaube, das stärkt die Familie und auch die Persönlichkeit .


Wir haben ein Café ins Auge gefasst, in dem es leider keinen freien Platz mehr gibt – an dem bevorzugten Tisch. Das Frühstück der Damen an dem Tisch sieht gut aus. Wir suchen weiter, können aber dieses erste Lokal gedanklich nicht loslassen.
Der Tisch steht direkt draußen vor der Tür, und man kann die vorbeigehenden Pilger grüßen. Wir schauen zurück – da sehen wir die Damen auf die alte römische Brücke zulaufen, die hinaus aus dem Ort führt. Es dauert nicht lange, da sitzen wir am Tisch unserer Wahl, mit dem Frühstück unserer Wahl.
Danach geht es auch für uns weiter über die Römerbrücke aus der Stadt hinaus.
Der Weg ist abwechslungsreich und führt bergauf und bergab an Feldern entlang, über kleine steinerne Brücken, die über Bäche führen, in bewaldete Streckenabschnitte. Libellen tanzen mit schimmernd blauen Körpern über kleine Flussläufe. Ihre Flügel zittern im Wind, wenn sie sich auf einem Ast niederlassen und aussehen, als würden sie dem Fließen des Wassers lauschen.


Es wird immer heißer, und wir sind froh, als wir nach 23 Kilometern unsere Herberge erreichen. Auch heute sind wir hinter dem Strom; die meisten Pilger laufen bis Padrón, um dort Maria Himmelfahrt zu feiern. Wir hören die Feuerwerkskörper schon den ganzen Tag. Umzüge gibt es in jedem kleinen Ort. Die Geschäfte und Lokale sind meistens geschlossen – so auch hier in O Pino.

Vor der Herberge „Albergue de Peregrinos de O Pino“ sitzt die Statue eines Pilgers, der sich die Füße versorgt. Und das ist so ziemlich das Spektakulärste, was die Herberge zu bieten hat.
Es gibt 78 Betten in vier Schlafsälen, wovon aber nur wenige belegt sind. Die Frau an der Rezeption ist mehr an ihren Privattelefonaten interessiert als an den wenigen Pilgern. Mühsam entlocken wir ihr einen Topf, denn es gibt zwar eine Küche, aber keine Ausstattung. Mangels anderer Vorräte können wir uns nur heißes Wasser für Tee und Kaffee kochen.

Alle drei Gaststätten und der kleine Supermarkt in unmittelbarer Nähe haben wegen des Feiertags geschlossen. Bei meinen Mitpilgern setzt leichte Panik ein. Die Aussicht, keine ordentliche Mahlzeit zu bekommen, treibt sie dann schon um 19:30 Uhr in das einzige Lokal, das gerade die Türen öffnet, obwohl die Küche erst um 21 Uhr die Arbeit aufnimmt.
Der Sonnenuntergang von der Terrasse versöhnt uns mit der kargen Versorgungslage.

