„Zu Pontevedra gibt es drei Seiten im Wanderführer“, verkündet Tomegrino. Allein das reicht schon, um die Truppe in den Ort zu treiben. Dazu kommt noch das Verlangen nach einer ordentlichen Mahlzeit. Der Wanderführer, die drei Seiten und ich bleiben zurück in der Herberge. Ich bin heute mal raus, Aldi mit seinen Fertigsalaten ist in Rufweite und damit fürchte ich heute keinen Mangel.
Mit meinem iPad und meinen Notizen ziehe ich in den geräumigen Aufenthaltsraum, um einen weiteren Blogbericht zu verfassen. Das Schreiben vom Weg ist nicht immer leicht und manchmal heißt es: Einen Tod musst Du sterben – aber Du kannst ihn selbst wählen. Entweder Du schaust Dir die Stadt an oder Du bleibst in der Herberge und schreibst. Entweder Du isst in einem Restaurant oder Du bleibst in der Herberge mit einem Fertigsalat. Ich höre die Worte meiner Mutter, die mich schon früh lehrte: „Ja, alles geht nun mal nicht – da musst Du Dich entscheiden.“

Die Entscheidung ist mir relativ leichtgefallen, angesichts der Tatsache, dass wir in den letzten Tagen so viel Zeit damit verbracht haben, einen freien Tisch in einem geöffneten Restaurant zu finden. Wenn man auf der Suche nach Nahrung ist, da geht auch das Auge für die Schönheiten der Orte verloren.
Im Aufenthaltsraum wimmelt es von Menschen aus allen Nationen. Die Italiener sind die lautesten und wissen nicht wohin mit ihrer Lebensfreude. Einige Pilger wandern mit ihren Handys und Ladekabeln durch den Raum, auf der Suche nach einer freien Steckdose. Ich kann mich erinnern, dass vor Jahren noch die Debatte kursierte, ob es nicht ein Sakrileg sei, mit dem Handy auf dem Jakobsweg zu gehen. Das hat sich inzwischen komplett erledigt und die Herbergen haben infolgedessen massiv aufgerüstet. In den meisten Herbergen befindet sich eine Steckdose an jedem Bett oder in unmittelbarer Nähe. Das WiFi-Passwort begrüßt den Pilger, noch bevor er weiß, ob und wo er ein Bett bekommt. Das macht nicht nur mir das Leben leichter. In meiner ruhigen Ecke, etwas fernab vom italienischen Lager, sitzen andere Pilger, die teils in ein Buch versunken sind, in Notizbücher schreiben oder in die Tasten eines Laptops hauen.

Neben mir nimmt eine junge Frau Platz. Schnell erkenne ich die Bloggerin. Sie klappt ihren Laptop auf, verbindet ihre Kamera und ihr Handy, bevor sie ihre Seite öffnet. Interessiert schiele ich rüber. Meine Augen verknoten sich in asiatischen Schriftzeichen. Nun ertappe ich sie dabei, wie ihre Augen die Seite meines iPads scannen. „Da bist Du klar im Vorteil“, sage ich auf Englisch. Sie schaut mich fragend an. „Ich vermute, Du kannst bei mir mitlesen, während ich allenfalls die Anzahl der Schriftzeichen auf Deiner Seite zählen kann“, lache ich. Sie muss auch lachen und wir sind schnell im Austausch darüber, wie man „on track“ bleibt mit dem Erleben, Verarbeiten und Schreiben. Sie bloggt eine Art Online-Tagebuch, erfahre ich. Sie schreibt täglich. „Das schaffe ich nicht“, gestehe ich und erkläre ihr, dass ich einen Teil der Erlebnisse erst Zuhause verarbeiten werde. Dann versinken wir schweigend in unsere Notizen.
Als meine Truppe zurückkommt, erzählen sie von ihrer italienischen Begegnung in Form einer Pizza. Dann ist bald Nachtruhe angesagt. Da wird dem Tatendrang schnell ein Ende gesetzt oder die Schaffenskraft im Etagenbett ausgelebt. link Bett 23
Der nächste Tag beginnt mit dem Gedanken, heute nur 17 Kilometer laufen zu müssen. Die Verkleinerung der Etappen verwandelt die Pilgerei in einen ausgedehnten Spaziergang. Das einzige Problem ist, wir konnten mal wieder kein Bett reservieren. Wir sind sozusagen bettenlos, haben aber die Idee, Froggys Rucksack zu einer Herberge zu schicken, die um 13 Uhr ihre Tore öffnet. Das bedeutet, auch wir müssen um 13 Uhr dort sein. Es wird also ein schneller Spaziergang. „Einen Tod musst Du sterben“, denke ich.

Zunächst einmal geht es in die Stadt. Da ich gestern mit den drei Seiten im Wanderführer allein war, erkenne ich die Orte wieder, von denen ich gelesen habe. Am wichtigsten ist die Capela da Virxe Peregrina, sie ist der Virgen (Virxe) Peregrina gewidmet, der Pilgerjungfrau. Das Gebäude hat den Grundriss einer Jakobsmuschel. Allein das macht sie schon optisch besonders. Die Marienfigur auf dem Hauptaltar trägt ein prachtvolles Pilgergewand mit Hut und Pilgerstab. Jedes Jahr im August wird sie in einer feierlichen Prozession durch die Stadt getragen. Das haben wir leider verpasst.

Es geht weiter durch die bezaubernde Altstadt. Ein Café lädt mit großen Leuchtbuchstaben zum Frühstück ein. Die Leuchtschrift passt so gar nicht zum eher charmanten Dekor im Inneren. Wir werden an einen großen runden Tisch in der Mitte des Raums platziert, von wo wir einen großartigen Blick auf die Kuchentheke haben. Dennoch entscheiden wir uns für ein proteinhaltiges Frühstück, das ebenfalls toll aussieht und noch besser schmeckt. Das Personal ist megafreundlich, nicht nur zu den Kunden, auch miteinander. Ich möchte spontan hier arbeiten, aber ich muss weiterpilgern.


Draußen sehe ich auch sofort, wie weit ich noch pilgern muss. In großen Ziffern steht die Zahl in der Fußgängerzone: 64 Kilometer und 500 Meter. Na, das ist doch überschaubar.

Es sind natürlich wieder viele Pilger unterwegs. Ich gehe entspannt davon aus, dass sie alle den nächsten großen Ort in 22 Kilometern, Caldas de Reis, anpeilen. Wir nicht, wir laufen nur bis Briallos und zwar schnell.
Hinaus aus der Stadt tauchen wir wieder ein in den Bildband von Galizien. Es ist mir schon fast unangenehm, jeden Tag von der Schönheit der Landschaft zu schwärmen. Diesmal sind es die vielen Spaliere aus Weinreben, die mich begeistern. Aber auch wieder kleine Steinbrücken über Flüsse, gewundene Wege in bewaldeten Gebieten und verwunschene Dörfer.

Auf den letzten Kilometern bis zur Herberge gibt die Sonne noch mal alles, was einige meiner Mitpilger dazu veranlasst, sich erst mal auf den Brunnen vor der Herberge zu stürzen. Flaschen werden gefüllt und Gesichter gekühlt.
Dann kommt die Stunde der Wahrheit. Wird man noch ein Bett für uns haben? Der junge Mann an der Rezeption schaut etwas irritiert ob dieser Frage. Dann führt er uns in einen großen leeren Schlafsaal und sagt: „Sucht Euch eins aus.“
Alles frei! Wir fassen es nicht. 14 Etagenbetten – keines besetzt. Ich möchte oben und unten gleichzeitig schlafen. Kann mich gar nicht entscheiden. Da höre ich wieder die Stimme meiner Mutter.

