Ich möchte noch ein paar Worte zu Redondela, der Stadt der Viadukte, sagen. Es ist beeindruckend, wie diese Stahlkonstrukte hoch oben den Himmel durchkreuzen. Es gibt zwei Viadukte, über die die Eisenbahn läuft. Sie sind beide über zweihundert Meter hoch und verbinden seit ca. 1880 die Stadt Redondela mit Madrid und Pontevedra.

Man kann sich vorstellen, dass der Anschluss an das Eisenbahnnetz von großer Bedeutung für die Stadt war. Die Bewohner waren damals allerdings weniger erfreut, denn sie hatten Angst, dass die riesigen Konstrukte ihre Stadt in den Boden drücken würden. Heute haben sie sich an das Rumpeln der Züge über ihren Köpfen gewöhnt. Die Viadukte sind das Wahrzeichen der Stadt geworden und man ist stolz auf sie.

Pilger sehen in den Viadukten eine Art Eingangstor zur letzten Woche bis nach Santiago de Compostela. Man erzählt sich, dass man beim Durchschreiten sein Gepäck als leichter empfindet und seine Mühen für einen Moment vergisst. Es ist als würde der magische Vorhang zum letzten Akt fallen. Wehmut und Vorfreude geben sich die Hand. Die Pilgerzeit geht in die letzte Runde. Santiago ist nicht mehr weit.

Da meine Mitpilger sich mit der Bimmelbahn zum Strand begeben haben, mache ich mich allein auf den Weg, die Stadt und ihre Umgebung zu erkunden. Ich kann bestätigen, dass es ein seltsames Gefühl ist, unter den Viadukten hindurchzugehen. Ich fühle mich tatsächlich leichter, das liegt vermutlich daran, dass mein Rucksack in der Albergue zurückgeblieben ist. Entlang des Flusses Río de Cabeiro schlendere ich zur Bucht Ría de Vigo.

Über Holzstege geht es entlang der Bucht, die hier am Ende wie ein riesiger See wirkt. Es ist sozusagen eine Bucht in der Bucht, Ensenada de San Simon heißt sie. In ihr liegt die Insel San Simon mit einem Kloster, in dem Mönche im Mittelalter zurückgezogen lebten. Später hat man hier ein Lazarett für Cholerapatienten eingerichtet und danach ein Waisenhaus.

Am Ufer des Wassers sehe ich Boote, die ich als fahruntüchtig bezeichnen würde. Sie sind etwas in die Jahre gekommen und rotten langsam vor sich hin. Alles wirkt etwas verwunschen.
In der Ferne liegt die moderne Puente de Rande, eine Schrägseilbrücke, die 1.558 Meter über die Bucht verläuft. Sie passt so gar nicht zum Idyll direkt vor meinen Augen. Es ist so, als betrachte man ein Gemälde, in dem irgendein Vandale mit Buntstift eine Brücke gekritzelt hat. Am Ende des Holzsteges befindet sich ein Steintisch mit Bank. Hier lasse ich mich nieder, mit dem Rücken zur Moderne und Blick auf das Wasser. „Wähle Deinen Bildausschnitt“, denke ich hier, in meinem Outdoorbüro. Der perfekte Ort, um meinen Blogbericht zu verfassen.
