Nichts! Es gibt keine Unterkünfte bis Vigo – ich habe jedes Dorf angefragt.“ Vier Augenpaare starren mich entsetzt an, als ich das Handy resigniert zur Seite lege. „Wir brauchen Plan B.“
„Was ist Plan B?“, fragt Chora.
„Es gibt immer einen Plan B, wir müssen ihn nur finden.“
Wir holen die Landkarte heraus. Manchmal braucht man einfach Papier, um sich einen Überblick zu verschaffen. Tomegrino, ganz Old-School-Man, hat immer einen Faltplan dabei. Unsere Augen gleiten über die Karte und checken die Alternativen. Wir werfen die Kilometer hin und her, in alle Himmelsrichtungen.
Wo gibt es überhaupt noch freie Betten in den nächsten Tagen?
Ich finde eine erschwingliche Unterkunft in Caminha. Das liegt allerdings nicht auf unserem Weg. Wir müssen den Camino da Costa verlassen und ins Landesinnere auf den Camino Central wechseln. Weg von der Küste, mehr Steigung, weniger Strand. Die Waldbrandsituation fällt uns ein, die müssen wir auch noch bedenken. Unser Weg scheint jedoch zur Zeit nicht davon betroffen zu sein.

Wir werden also noch am Strand entlang laufen, dann nach Caminha abbiegen und morgen schon Portugal verlassen. Das kommt jetzt sehr plötzlich für mich, da ich gerade mein Herz an Portugal vergeben habe. Der letzte Tag in Portugal führt uns immer am Strand lang, das versöhnt mich etwas. Den ersten Stempel des Tages bekommen wir sogar in einem Strandshop, inmitten von Souvenirs und Sandspielzeug.
Der Weg führt uns zuerst etwas abseits vom Strand durch eine wildbewachsene Gegend. Dichte Sträucher, durch die ein schmaler Pfad führt, spenden immer wieder Schatten.



Weiter geht es durch die Dünen über versandete bis völlig im Sand versunkene Holzstege, die Stunden später im Nichts enden. Es ist ein heißer Sonntag, den viele Menschen am Strand verbringen. Man schaut etwas verwundert auf, als wir fünf Pilger mit unseren Rucksäcken durch den Sand zum Wasser gehen. Die Schuhe in der Hand genießen wir das Spiel der Wellen um unsere erhitzten Pilgerfüße. Froggy allerdings möchte ihre Wanderboots nicht ausziehen, aus Stabilitätsgründen. Die neue Froschhüfte hat mit dem Gewicht des Rucksacks schwer zu kämpfen.
Das Meer zur Linken und die Strandgäste zur Rechten laufen wir hintereinander am Atlantik entlang. Nach ein paar hundert Metern türmt sich der Sand zur Strandseite immer weiter auf, bis er zu einer Wand wird. Das wird mir zu heikel und ich gehe oberhalb weiter, direkt an den Decken der Sonnenbadenden vorbei.
Froggy bleibt unten. Die Wellen werden höher und aus dem Augenwinkel sehe ich eine besonders große Welle heranrollen. Froggy ist gefangen zwischen Wand und Meer. „Oh nein“, rufe ich erschrocken und halte den Atem an. Hilflos muss ich zusehen, wie die Welle Froggy erfasst und sie klatschnass zurücklässt. Das Wasser steht in den Schuhen. Sie flucht nur und stapft entschlossen weiter.
Kurze Zeit später sehen wir einen tiefen Wasserlauf, der den Strand teilt. Ratlos stehen wir davor und fragen uns, wie wir da wohl rüber kommen. Es gibt eine Stelle, wo uns das Wasser nur bis zu den Oberschenkeln reicht, dort wollen wir es wagen. Froggy, nun in Socken: „Das ist jetzt auch egal“, wird von Fleur unterstützt, als sie durchs Wasser watet.
Auf der anderen Seite angekommen, bahnen wir uns ziemlich nass einen Weg durch den heißen Sand zu einer Mauer. Hier müssen wir uns erst mal trockenlegen. Froggy tauscht die nassen Wanderschuhe gegen blendend weiße Turnschuhe mit passenden weißen Socken. So legen wir die letzten Kilometer zurück. Der Weg führt nun durch Gassen, doch selbst im Schatten ist es heiß. Keiner spricht mehr, wir sparen die Kraft.
Am Abend in der Unterkunft rieselt der Sand aus unser Kleidung und besonders aus den Schuhen. Außer aus Froggys Schuhen, da tropft der Atlantik heraus.
Auch hier in Caminha wird ein Fest gefeiert, wie wir bei unserem kleinen Rundgang nach dem Essen bemerken. Da wundert es uns nicht, dass es so schwer ist, Übernachtungsmöglichkeiten zu finden. Ein Fest jagt das nächste.
‚Agosto é o mês dos festivais‘ – August ist der Monat der Feste, habe ich irgendwo gelesen.
Die Musik begleitet uns in den Schlaf, in unserer letzten Nacht in Portugal.
