Viana do Costelo. Das Pilgerbuch verspricht die schönste Stadt auf dem Küstenweg und wohl die größte Attraktion auf dem Pilgerweg überhaupt. Heute ist Sightseeingtag mit Rucksack, wir sind schon fast im Touristenmodus. Zuerst fällt der Blick auf die 563 Meter lange Brücke „Ponte Eiffel“, die, wie der Name vermuten lässt, von Gustave Eiffel, dem Erbauer des Eiffelturms, entworfen wurde. Sie sieht tatsächlich so aus, als hätte man den Eiffelturm über den Rio Lima gelegt.


Auf dem Platz „Praça de República“, dem Herz der Altstadt, vibriert das Leben. Musik dringt an unsere Ohren und in unsere Pilgerbeine, wir tanzen um den Renaissancebrunnen und grooven dann durch die Gassen der Altstadt. Die Gassen haben ihren eigenen Charme und ich könnte in jeder einzelnen verweilen, aber der Tag ist kurz.

Hoch oben über der Stadt thront die Basilika Santa Luzia. Von ihr hat man einen spektakulären Ausblick. Wir fahren mit dem in Portugal sehr verbreiteten Schienenaufzug hoch, dem „Levador de Santa Luzia“. Da die Kabine nur 15 Leute fasst, verbringen wir kostbare Zeit in der Warteschlange. Die Alternative wäre 700 Stufen steil den Berg hinauf. Aber heute ist Sightseeingtag, deshalb warten wir auf den Aufzug.
Oben angekommen, kann man über die ganze Stadt, die Hügel und das Meer schauen. Dafür hat sich das Warten gelohnt.

Auch die Basilika ist ein Schmuckstück, sehr majestätisch erreicht man sie über eine breite Treppe. Früher stand hier nur eine kleine Kapelle, die der heiligen Lucia von Syrakus gewidmet war. Ein erblindeter Kavalleriekapitän pilgerte mehrfach hin und bat, von seinem Augenleiden erlöst zu werden. Nach seiner Heilung gründete er die St. Luzia Bruderschaft und später wurde an Stelle der Kapelle dieses prächtige Bauwerk errichtet. Seit 2020 darf es den Titel „Basilica minor“ tragen.

Die Deckengestaltung der Basilika


Es geht noch weiter hinauf auf einen 30 Meter hohen Turm und das ist die Herausforderung des Tages. Die Wendeltreppe dort hoch ist so schmal, dass zwei Leute nicht aneinander vorbei gehen können. Froggy und Chora, die zuerst mit den Rucksäcken auf dem Rücken hochgehen, bleiben damit mehrfach stecken und kratzen ansonsten an den Wänden entlang. Es gibt ein Ampelsystem, das den Verkehr auf der Treppe regeln soll. Allerdings wird es meistens ignoriert oder übersehen und so kommt es immer wieder zu Verstopfung auf der engen Treppe. Zudem ist es teilweise stockdunkel. Oben ist die Aussicht spektakulär, wird allerdings etwas gedämpft durch den Gedanken, dass man wieder durch das Nadelöhr zurück nach unten muss.


Wieder unten ist es Zeit, die Rückreise nach Esposende anzutreten. Es folgt eine weitere rasante Fahrt mit dem Bus. In Esposende hat man während unserer Abwesenheit die Straßen dekoriert und Stände aufgebaut. An jeder Ecke kann man weiße Hüte, Haarreifen, Blumengirlanden und andere schöne Dinge kaufen. Alles weiß, was wirklich auffällt in diesem bunten Land. Was ist hier los?
Später am Abend hören wir Musik in den Gassen und als wir noch mal rausgehen, finden wir uns in einer weißen Feenwelt wieder. Alle Menschen sind weiß gekleidet, die Straßen sind beleuchtet und an jeder Ecke gibt es Musik. Unser Pilgerrucksack gibt keine weiße Kleidung her, deshalb schmücken wir uns mit einer weißen Girlande.
Ein riesiger beleuchteter Tunnel trägt die Aufschrift Noite Branca.
Die weiße Nacht ist ein gigantisches Sommerfest, das jedes Jahr im August in Esposende stattfindet. Es zieht Besucher aus ganz Portugal an. Alle Besucher werden gebeten, sich dem Dresscode „weiß“ anzupassen, um zur magischen Atmosphäre beizutragen.

Während der weißen Nacht sind alle Geschäfte bis 2 Uhr morgens geöffnet. Es gibt Stände mit regionalen Köstlichkeiten und Getränken. Wir lassen uns tragen von der Musik und der Fröhlichkeit der Menschen in diesem nächtlichen Märchen. Lange können wir nicht mitfeiern, denn am nächsten Tag werden wir wieder weiterziehen und müssen früh aufbrechen.


Uns fällt auf, dass es auch zu später Stunde keine betrunkenen Menschen gibt. Ganz anders als in Deutschland bei ähnlichen Festen. Wir befinden uns tatsächlich im Märchenland.