Mitten in der Nacht werde ich von Kanonenschüssen geweckt. Es wird aus allen Richtungen geschossen und Blitze schneiden durch die Dunkelheit. Ich überlege: Ist es ein Feuerwerk? Ein Blick auf die Uhr sagt 23:26 Uhr. Eine ungewöhnliche Zeit für ein Feuerwerk. Dann ist es still. Ich lausche. Nichts rührt sich. Gerade als ich beschließe, der Sache morgen auf den Grund zu gehen und wieder einschlafen will, tobt es erneut vor unseren Fenstern. Auch die anderen im Schlafsaal werden unruhig. Das Getöse endet genauso plötzlich wie beim ersten Mal, es ist 23:43 Uhr und die müden Pilger gleiten zurück in den Schlaf. Ich auch.
Morgens beim Frühstück erwähnen alle den nächtlichen Vorfall, keiner kann sich die seltsamen Uhrzeiten erklären. Vermutlich war es irgendein Fest, von denen es hier in der Region sehr viele gibt in dieser Jahreszeit. Ich finde folgendes heraus: In der Nacht vom 6. auf den 7. August gibt es traditionell ein Feuerwerk, allerdings erst um 00:30 Uhr. Das Festa da Senhora dos Navegates ist ein Fest zu Ehren der Schutzheiligen der Fischer. Es beginnt am 25. Juli und endet in der Nacht zum 7. August mit einem Feuerwerk. Vorher gibt es ein Konzert von Emanuel. Aber wer ist Emanuel? Offenbar handelt es sich um einen berühmten portugiesischen Sänger, der auch als Moderator und Kommentator im portugiesischem Fernsehen aktiv ist. Der Mann geht jetzt auch schon auf die Siebzig zu, vielleicht wollte er einfach mal früher schlafen gehen.


Ich checke die Temperatur auf der Dachterrasse. Wie vermutet ist es kalt heute morgen. Ich verstehe diese Hitzewellen nicht. Schon wieder erreicht mich eine Warnung vor extremer Hitze in Portugal. Allein wo wir sind, merkt man nichts davon. Bei 16 Grad laufen wir in unseren wärmsten Jacken los. Es geht ein wenig durch die Gassen, bis wir den Strand erreichen. Der ist natürlich menschenleer. Die wenigen Menschen, die wir sehen, hocken in Strandbars und klammern sich an ein heißes Getränk.


Unser Plan ist es, bis nach Apúlia zu laufen, der Weg geht immer am Strand lang. Teils über Holzwege und teilweise auch an der Promenade entlang. Es wird immer touristischer und die ersten Souvenirläden erregen meine Aufmerksamkeit. Pilgern, wo andere Urlaub machen, bedeutet, dass jedes Souvenir auf Gewicht geprüft wird. Schließlich muss es weiterhin mitgetragen werden. Wehmütig schaue ich auf die bunte Auslage, schließlich fällt mein Blick auf einen Hahn. Es ist der einzige in Pink, der im Regal steht, und ich weiß, er will mit mir weiterreisen. Der „Galo de Barcelos“ ist sowas wie das inoffizielle Nationalsymbol Portugals. Es rankt sich eine Legende um diesen Hahn, die ich in ähnlicher Form schon in Spanien gehört habe: Ein Fremder wird eines Verbrechens beschuldigt, als letzter Wunsch vor seiner Hinrichtung will er noch mal den Richter sehen. Dieser isst gerade ein gebratenes Hähnchen. Der Verurteilte sagt: „Meine Unschuld ist so sicher, wie der Hahn auf dem Teller jetzt zu krähen anfängt.“ Man ahnt es schon, der gebratene Hahn flattert hoch und kräht laut. Der Beschuldigte wird freigelassen. Deshalb steht der Hahn bis heute für Ehrlichkeit, Wahrheit, Vertrauen und Ehre.
Als wir 2022 den Camino Francés durch Spanien liefen, hörten wir die Geschichte in Santo Domingo de la Calzada. Dort war es ganz konkret eine Pilgerfamilie aus Xanten, deren Sohn des Diebstahls bezichtigt wurde. Zum Beweis seiner Unschuld flatterte ebenfalls ein gebratener Hahn vom Teller des Richters. Deshalb gibt es einen Hühnerstall in der Kirche, in der ein Hahn sitzt. Kräht er, wenn der Pilger die Kirche betritt, bringt es Glück für die Pilgerreise. Ich hörte damals zwar einen Hahn krähen, aber die Kirche war geschlossen, Glück hatte ich dennoch.


Mit meinem Hahn im Gepäck geht es weiter am Strand lang, vorbei an alten Mühlen und verlassenen Gebäuden. Am späten Nachmittag erreichen wir das Örtchen Apúlia und steuern die Herberge an. Wir schleppen uns die Treppen hoch und stehen vor einem Schild: Full! Es dauert eine Weile, bis wir verstehen, dass es dort keinen Platz für uns gibt. Also weiter zur nächsten Herberge, dort geht es uns genauso. Leider ist der Ort so klein, dass unsere Optionen sehr übersichtlich sind. Im Surf-Camp nimmt man nur Surfer und das Hotel hat nur noch Platz für 2 Personen.

Kurzentschlossen nehmen wir den Bus nach Esposende, dem nächsten größeren Ort. Auf Booking.com ist zwar auch alles ausgebucht, aber wir können es ja mal persönlich versuchen. Es wird immer später, keine Aussicht auf ein Bett zu haben, wird langsam ungemütlich. Ich habe Vertrauen, dass wir etwas finden, Chora auch. Der Rest der Gruppe ist eher skeptisch.
Esposende liegt direkt am Meer und wirkt sehr einladend, bis uns die erste Herberge mit dem Schild „We are full“ begrüßt. Also weiter in die Stadt, an der nächsten Albergue sagt man uns das gleiche, allerdings persönlich. Die ganze Stadt inklusive Hotels sei ausgebucht. Ob wir auch privat wohnen würden, fragt der junge Mann in der Herberge. Froggy sagt: „Wir nehmen alles, auch einen Stuhl.“ Der Mann telefoniert und ich höre, wie er sagt, dass vor ihm 5 Pilger stehen, die noch keine Unterkunft haben. Er nickt uns zu: Er habe 3 Räume für uns mit Doppelbetten, ein Raum habe aber kein Fenster. Was interessiert uns ein Fenster?! Es reicht, dass ein Bett drin steht. Eine Nacht kostet für uns Fünf zusammen 120 Euro. Wir stimmen zu und er zeigt uns den Weg auf meinem Google Maps. Es ist nicht einmal weit. Die Frau wartet bereits vor der Tür, sie schließt auf und führt uns in den hinteren Teil einer blitzsauberen Wohnung. Sie zeigt uns die großen Schlafzimmer, selbst das ohne Fenster sieht sauber und gemütlich aus. Dann zeigt sie uns die Küche und das Wohnzimmer sowie das geräumige Bad. Wenn wir wollten, könnten wir waschen, sagt sie und deutet auf die Waschmaschine. Dann sagt sie: „Die ganze Wohnung ist nur für euch, aber bitte bar zahlen.“ Es ist, als hätten wir aus Versehen den Jackpot geknackt. Eben noch obdachlos und nun in einer gnadenlos schönen 100 qm Wohnung. Der Weg gibt dir,was du brauchst, denke ich. Diese Wohnung haben wir einfach verdient. Fünf müde Pilger schmeißen sich auf die Betten. Ich höre einen Hahn krähen. Das Glück verfolgt mich.