Laut Pilgerkompass starten wir heute mit einer ruhigen und entspannten Etappe. Gegen 8 Uhr wollen wir los, denn einigen Mitpilgern sitzt die Angst vor Hitze im Nacken. Noch ist es eher kühl, stelle ich fest, als ich die Fenster öffne. „Warnung vor extremer Hitze“, erscheint eine Anzeige auf meinem Handy. Unsere Vermieterin Paula erzählt, dass es heftige Waldbrände im Inneren des Landes gibt. Pilger, die auf dem zentralen Jakobsweg unterwegs sind, sind davon betroffen. Wir, die wir den Küstenweg gehen, bleiben davon zunächst unberührt. Dennoch erreicht uns die Nachricht von Zuhause. „Es soll sehr heiß werden in Portugal, außerdem gibt es große Waldbrände, passt auf Euch auf!“
Wir haben noch keinen Fuß auf den Jakobsweg gesetzt und werden schon mit Warnungen überschüttet.
Die Rucksäcke sind schnell gepackt. Auf Anregung von Paula haben wir noch extra viel Wasser eingepackt, denn es soll ja unerträglich heiß werden. Wir verlassen wehmütig das schöne Haus und laufen los. Nach ein paar Metern mit dem Rucksack auf dem Rücken gleitet mein Körper in den Pilgermodus. Ich merke, wie mein Schritt den bekannten Rhythmus aufnimmt. Heute sind 15 Kilometer zum Eingrooven geplant. Fleur muss ihren Rucksack noch feinjustieren. Erfahrungsgemäß dauert es ein paar Tage, bis alles richtig sitzt. Es geht über Kopfsteinpflaster, durch enge Gassen, bis zur Küste. Ich rieche das Meer.


In einem kleinen Ort machen wir Halt an einer Kaffeebar. Es ist 10 Uhr und der Laden brummt. „Rushhour“, meint der Wirt. Um zehn scheint der Portugiese seinen Kaffee zu nehmen. Diese Tradition kommt mir sehr entgegen. Draußen vor der Bar stehen 5 Stühle an kleinen Tischen mit Blick auf das gegenüberliegende Geschäft. Dort kann man so ziemlich alles kaufen, fällt mir auf. Obst, Gemüse, Putzeimer, Gartengeräte, T-Shirts, Hüte und das ist nur die Auslage vor dem Laden. Ich beobachte die Menschen, die ein und aus gehen. Eine Frau kauft einen Besen, ein junger Mann zwei Flaschen Cola. Alle wirken entspannt und gut gelaunt. Es wird auffällig wenig geraucht. Zwei Männer stehen vor unserer Kaffeebar und zünden sich Zigaretten an. Das ist verhältnismäßig wenig. Als ich mit Anfang zwanzig auf einer Interrailreise längere Zeit in Portugal unterwegs war, qualmte es gefühlt aus allen Mündern.

Weiter geht‘s entlang schöner Gärten und über holprige Wege. Ich warte auf‘s Meer und höre es, bevor ich es sehe. Dann öffnet sich hinter einem kleinen Dorf der Blick auf den Atlantik. Darauf haben wir gewartet, das ist unser Leitmotiv für den Jakobsweg 2025 – am Meer entlang laufen. Schweigend genießen wir den Anblick, dann geht es weiter auf Holzstegen, immer mit Blick auf den Strand. Manchmal führt der Weg durch die Dünen. Der Wind ist eher frisch, ich muss eine Jacke anziehen.


Wir tragen unsere Rucksäcke durch Fischerdörfer und passieren unzählige Strandbars. Hier könnte man alle 50 Meter eine Kaffeepause einlegen. Gegen 12 beginnt der Pilgermagen zu knurren und wie gerufen laufen wir an einem kleinen Restaurant vorbei, das mit einem Pilgerstempel lockt. Omelette mit frischen Gambas, das ist ein Pilgermenü deluxe, dazu alkoholfreie Sangria, auf der ein frischer Obstsalat schwimmt. Es geht uns gut und wir freuen uns, die letzten Kilometer bis nach Vila do Conde zu laufen. Da wir noch keine Unterkunft haben, entscheiden wir uns für die Pilgerherberge vom Kloster Santa Clara, das direkt am Fluss Ave liegt.

Diese lateinische Grußformel klingt sehr einladend und spricht uns direkt an. Wir laufen unterschiedlich schnell weiter. Tomegrino und Chora machen sich auf den Weg zur Herberge, um schon mal unsere Betten klar zu machen. Fleur, Froggy und ich nehmen noch einen Kaffee auf der Strandmauer und beobachten die ungeschickten Einparkmanöver eines Minifahrers auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er hoppelt immer wieder vor und zurück. Dann steigt seine Frau aus und winkt ihm zu, dass er noch weiter zurückfahren könne. Das Auto hüpft ein paar Mal und steht fast schon an der Stoßstange des nächsten Wagens. Der Herr selbst steigt aus, ein kleiner Mann, später Midager, dem ich unterstelle, sein Resthaar unter einer Basecap zu verstecken. Ein gescheiterter Versuch, nicht vorhandene Jugendlichkeit zu substituieren. Er gestikuliert wild in Richtung seiner Frau, die milde Resignation ausstrahlt. Der kleine Mann steigt wieder in seinen großen Mini, hüpft erneut vor und zurück und gibt schließlich Vollgas, als er auf unserer Straßenseite eine Parklücke entdeckt. Er schießt hinein, gegen die Fahrtrichtung, und blockiert schräg stehend das Auto von zwei Frauen, die ausparken wollen. Das macht ihn noch wütender, er schreit die Frauen an, die doch nur ausparken wollten. Entsetzt sehen wir sein deutsches Kennzeichen. Inzwischen fährt er das Auto noch schräger in die Lücke, springt hinaus und haut schreiend auf das Dach des Autos, in dem die Frauen erschrocken davon fahren.
Jetzt hat er endlich zwei Parklücken, in die er seinen Mini bequem parken kann. Er öffnet den Kofferaum und holt Strandmuschel, Eimerchen und Schaufel heraus, drückt seiner Frau, die einen Kopf größer ist als er, eine Tasche in die Hand und sie schreiten Richtung Strand. „Geht‘s Ihnen jetzt besser?“, fragt Froggy, als er an uns vorbei läuft. „Deutsch?“, fragt er unnötigerweise und erklärt: „Wenn die hier ein Auto haben, dann fühlen die sich wie die Könige.“ Ich bin irritiert. Meint er die Frauen?
Froggy sagt: „Sie hätten doch nur warten müssen, bis die Damen ausgeparkt haben.“
Wütend sagt er: „Sie sind noch auf deren Seite, Sie haben das doch gesehen.“ „Ja, und alles gehört“, ergänze ich. „Sind Sie Pilgerinnen?“, sein Blick streift unsere Rucksäcke. Wir nicken. „Dann wünsche ich Ihnen Erkenntnis und Verständnis für andere“, sagt er wütend und rauscht davon. Seine Frau schleicht betreten hinter ihm her.
Wir kommen zu der Erkenntnis, dass wir kein Verständnis für Wutzwerge erlangen möchten, und wandern weiter nach Vila do Condo.

Schon von weitem sehen wir das Santa-Clara-Kloster über den Rio Ave schauen. Es führt ein 4 km langes Aquädukt zum Kloster, von dessen ursprünglich 999 Bögen viele fehlen. Allein 46 Bögen stürzten bei einem Sturm ein und einige wurden auch bewußt entfernt. Man ahnt das technische Meisterwerk dennoch.


Bevor wir die Brücke passieren, sehen wir einen Mann vor einer kleinen Kirche stehen, vor einem großen Pilgerschild mit der Aufschrift STAMP. Schon kramen wir nach unserem Pilgerpass und erklimmen die Stufen zur Kirche. Während er unsere Pässe stempelt, schaue ich mich um. Die Kirche ist sehr schön dekoriert, mir fallen die vielen Spitzendeckchen auf. Er bemerkt meinen Blick und ruft mich zu sich. Ich verstehe nicht, was er mir sagen will, doch dann zeigt er auf eine Klöppelwalze. Dort entsteht gerade ein neues Spitzenband. Froggy deutet auf ihn und fragt, ob er das macht. Er lacht laut auf und zeigt uns dann ein Bild auf seinem Handy von seiner Frau beim Klöppeln. Man sieht ihm an, wie stolz er auf seine Frau ist, er zeigt uns immer mehr Bilder. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass in Vila do Conde die Tradition des Klöppelns seit dem 17. Jahrhundert beibehalten wurde. Wir bestaunen noch hinreichend das Werk und machen uns dann auf zu unserer Herberge.

Wenig später stehen wir in einem Schlafsaal mit mehreren Etagenbetten und einem Doppelbett, das schon von einem jungen deutschen Paar bezogen wurde. Damit ist der Schlafsaal jetzt voll. Mit wenigen Schritten sind wir auf der Dachterrasse, von der wir beobachten, wie sich der Nebel langsam über das Kloster legt. Die Erkenntnis des Tages lautet nicht: „Habe Verständnis für kleine deutsche Giftzwerge“, sondern: „Der Weg gibt Dir, was Du brauchst.“ Gestern meinte Chora, sie brauche noch eine Jakobsmuschel für ihren Rucksack – heute morgen bekam sie eine geschenkt. Ich ärgerte mich, dass mir dauernd die Objektivkappe von der Actioncam runterfiel, und Tomegrino fand Drachenschnur, an der sie jetzt baumeln kann. Vertrauen ist wie Magie, das wird uns besonders der morgige Tag zeigen.