Das Frühstück in unserer pinken Albergue ist spärlich, aber durchaus kreativ. Unsere Vorräte haben wir gestern Abend schon auf ein Minimum reduziert und das Kleingeld für den Kaffeeautomaten ist ebenfalls erschöpft. Wir kratzen die Reste an Kaffeepulver zusammen, die wir noch mit uns herumtragen. Jeder bekommt noch ein Stück Apfel und etwas Käse mit ein paar Oliven. Das muss reichen bis zur nächsten Vending Machine.
Eine „Vending Machine“ ist ein Automat, wo man Sandwiches, Süßigkeiten, Getränke oder Snacks ziehen kann. Wenn ich lese: „Die nächste Vending Machine ist 6 Kilometer entfernt“, rieche ich schon den Kaffee. Es gibt hier fast nichts, die Dörfer sind verlassen, die Wege einsam, aber bei der Vending Machine kann man manchmal sogar mit Karte zahlen.

Wir verlassen San Mateo und treten hinaus in den kühlen Nebel. Es geht durch schmale Gassen bis in den relativ lichten Wald. Auf einer Wegmarkierung steht ein kleiner Spazierstock mit einer Nachricht an das Kind oder den Zwerg, zu dem er passt. Überhaupt treffen wir immer wieder auf kleine Botschaften an den Markierungen. Mal ist es ein Lied, mal ist es ein Bündel Trauben. Keine Ahnung wer, das dort platziert, aber es heitert auf.




Die Sonne kommt raus und ich krame schnell nach meiner Sonnenbrille. Dieser Moment muss zelebriert werden. Fleur und ich begrüßen unsere Schatten wie einen lang vermissten Freund. Der Freund läuft tatsächlich die meiste Zeit des Tages neben uns, vor uns oder hinter uns her.
Irgendwie habe ich mich verrechnet. Nach 6 Kilometern stoßen wir zwar auf eine Bank vor einer geschlossenen Herberge, aber nicht auf die begehrte Vending Machine. Die Bank bietet sich an, um eine kurze Pause einzulegen und den Rucksack nach Essensresten zu durchkämmen. Chora biegt um die Ecke und zaubert einen weiteren Apfel aus ihrem roten Beutel. Ich trage zwei Tage alten, kalten Tee spazieren und freue mich, dass ich ihn dank meiner Schusseligkeit noch nicht entsorgt habe. Aus der Ferne beobachtet mich ein blaues Augenpaar, während ich einen halben Müsliriegel mit Entzücken aus der Bauchtasche fische.

Lange können wir nicht verweilen, denn es liegen noch 24 Kilometer zwischen der Bank und unserem Ziel Lugo. Der Weg führt durch winzige Dörfer und entlang dichter Kastanienalleen. Die Füße laufen auf einem Teppich heruntergefallener Esskastanien in ihrem Stachelmantel. Die Kastanie ist ein Lebensbaum in Galizien. Kastanie findet man nicht nur in der Küche von der Suppe bis zur Süßspeise. Sie ist auch ein geschätzter Schattenspender im Sommer und liefert Bauholz.

Manche Kastanienbäume sind bis zu 500 Jahre alt. Viele Pilger sind schon in ihrem Schatten gewandert oder haben sich im Regen unter ihr Blätterdach gerettet.
Mich rettet nach 8 Kilometern die Vending Machine vor einem Anfall von Verzweiflung. Zwar gibt es es nichts Nahrhaftes zu essen, aber der Kaffee-Automat scheint zu funktionieren. Tatsächlich, nach Zahlung und Wahl eines großen Milchkaffees beginnt das Gerät zu arbeiten. Heiß läuft der Kaffee aus der Düse und duftet wunderbar. Doch wo ist der Becher? Der Kaffee versickert im Überlaufgitter, weil die Maschine keinen Becher ausgespuckt hat. Mist! Einen Euro umsonst versenkt. Beim nächsten Mal sind wir schlauer und stellen unsere eigene Tasse unter die Düse. Prompt landet ein Pappbecher in der Tasse.


Nach dem Kaffee fühle ich mich bereit, die nächsten 22 Kilometer in Angriff zu nehmen. Lugo ist die 100-Kilometer-Marke. Von Lugo sind es noch ungefähr 100 Kilometer bis Santiago de Compostela, je nachdem, welchen Weg man wählt. Wir werden am Ende 115 Kilometer brauchen, weil wir noch den ein oder andern Abstecher machen.
Der Weg nach Lugo zieht sich in die Länge. Die Landschaft ist wunderschön, gespickt mit vielen An- und Abstiegen. Nach weiteren 20 Kilometern erblicke ich die ersten Anzeichen von Zivilisation, die mehr als drei Häuser bedeuten. Wir überqueren eine Autobahnbrücke. In der Ferne sehe ich schon die ersten Häuser aufragen. Lugo ist eine 2000 Jahre alte Stadt, eingerahmt von einer dicken, römischen Stadtmauer, die man begehen kann. Diese Muralla Romana ist die einzige noch vollständig erhaltene Stadtmauer, die vom römischen Reich übrig geblieben ist. Seit dem Jahr 2000 ist sie Teil des Weltkulturerbes.
Zunächst allerdings blicken wir auf riesige Wohnblöcke und eine lange Eisenbahnbrücke.

Von hier ist es noch ein ziemliches Stück, bis wir endlich diese Stadtmauer erblicken. An der Ostseite der Altstadt läuft der Pilgerweg durch das historische Stadttor Porta de San Pedro. Die Dicke der Stadtmauer ist sehr beeindruckend. Auf unserem Weg zu unserer Unterkunft werden wir später einen Teil des Weges darauf zurücklegen. Aber erst einmal genießen wir unsere Ankunft nach 32,13 Kilometern und feiern das später mit einer kräftigen Gemüsesuppe.
