Es ist der 9. Lauftag und es geht nach O Cadavo. Das klingt etwas befremdlich und wir scherzen über unsere Kadaver, die sich die Strecke entlang schleppen.
Es ist trocken, als wir starten. Der Nebel hat sich gelichtet und vom gestrigen Unwetter ist fast nichts mehr zu ahnen. Allenfalls die riesigen Pfützen und unsere halbnassen Schuhe halten die Erinnerung wach.
Die heutige Strecke ist mit „anspruchsvoll“ beschrieben, obwohl es viel bergab geht, gibt es doch einige steile Anstiege von insgesamt 600 Höhenmetern.
Wir sind in Galizien, das verspricht malerische Ausblicke auf die galizischen Berge.
Auf dem Weg hinaus aus der Stadt begegnen wir Stéphanie. Sie und Eric sind gestern gar nicht gelaufen und direkt mit den Taxi nach A Fonsagrada gefahren.
Sie sind schon seit ein paar Monaten unterwegs und vom Camino Francés auf den Primitivo gewechselt, da ihnen der andere Weg zu voll und zu touristisch war. Den Camino Primitivo gehen nur 4 Prozent der Pilger, die nach Santiago laufen. Wer Einsamkeit sucht, ist hier richtig.
Wir begegnen immer wieder denselben Leuten, weil man die Etappen kaum anders laufen kann und es nicht so viele Pilger hier gibt. Wir erkennen sie schon am Laufstil aus großer Entfernung.
Heute sehen wir lange Zeit niemanden. Es geht bergauf in die unberührte Natur. Dichte Wälder reihen sich aneinander. Das Grün der bemoosten Steine und Stämme beruhigt die Sinne.
Kiefernwälder so dicht und unberührt so weit das Auge reicht liegen zu unseren Füßen, als wir eine Lichtung erreichen.
Schon nimmt der Wald uns wieder gefangen, die Wege sind teilweise sehr matschig und überschwemmt. Inzwischen sind wir trittsicher, unsere Augen erkennen die Steine und Äste, auf die man den Fuß setzen kann, um nicht im Morast zu versinken.

Pilze sprießen am Wegesrand. Einer schöner als der andere. Rote und gelbe, große und kleine, in Gruppen oder vereinzelt. In der Ferne hören wir ein Rauschen. Als wir näher kommen, erkennen wir einen Wasserfall. Tanzend suchte sich das Wasser den Weg hinab ins Tal.
Die Sonne kommt raus. Wer hat daran noch geglaubt?
Es wird uns warm im herbstlichen Gewand und die ersten Schichten müssen weichen.
Wir passieren historische Steinbrücken und kleine, verlassen wirkende Dörfer.
Dann geht es wieder steil bergauf und wir stehen oben auf der Anhöhe, von der es heißt, dass selbst im August die Temperaturen in den einstelligen Bereich fallen können. Hier stehen die Ruinen des Real Hospital de Montouto, wo sich die Pilger in früheren Zeiten aufwärmen und ihre schwere, oft nasse Wollkleidung trocknen konnten. Man spürt die Erleichterung der Pilger der alten Zeiten im maroden Gemäuer.
Unweit davon wurde eine Jakobskapelle errichtet, unter deren Vordach wir jetzt flüchten, denn es setzt plötzlich Regen ein. So ein Schauer gibt uns die Gelegenheit, mal kurz einen Müsliriegel einzuwerfen. Erfüllend ist das nicht. Wir sind froh, als wir ein paar Stunden und etliche Wasserfälle später unvermittelt auf eine Bar stoßen.
Ein Kleinod am Wegesrand, mit vielen selbst geschaffenen Kunstwerken. Der Wirt, ein interessanter und fröhlicher Spanier, spricht uns auf Deutsch an. Wir erfahren, dass er lange in der Schweiz gelebt hat. „So lange kann das kaum gewesen sein“, sage ich und schaue mir das frische, fröhliche Gesicht genauer an.
Er sei 51 Jahre alt, erfahre ich und will sofort auch eine Bar in den Galizischen Bergen eröffnen. Potzblitz! Ein wahrer Jungbrunnen ist das hier, man wird täglich mehrfach gewässert und die Sporteinheit ist schon beim Weg zum nächsten Nachbarn absolviert.
Wir genießen eine vorzügliche Tortilla und Eier mit Käse, deren Qualität auch für den Rest des Caminos nicht mehr zu toppen sein wird.

Leider haben wir noch mehr als eine Sporteinheit vor uns und müssen uns verabschieden.
Die Rucksäcke schmeißen wir inzwischen einhändig auf den Rücken und zupfen sie während des Anlaufes zurecht. Der Körper hat sich komplett an die täglichen Gegebenheiten angepasst und das Gewicht auf dem Rücken ist kaum noch spürbar. Der Mensch ist ein Wunderwerk. Schon nach 9 Tagen zeigen sich Muskelpakete an den Waden und Oberschenkeln, die uns entfernt an Bodybuilding erinnern. Entfernt haben sich auch meine Mitpilger, denn ich habe zu lange an einem weiteren Wasserfall verweilt und meine Waden bestaunt.
So bin ich allein mit meinen Betrachtungen über die enorme Kraft, die ein Mensch in kürzester Zeit entwickeln kann. Ich meine, bei mir auch eine wachsende Kälteresistenz zu erkennen, was tatsächlich an ein Wunder grenzt.

Weiter geht es wieder bergauf. An Weggabelungen hoffe ich jedes Mal, dass der Pfeil hinab zeigt, aber es ist immer der Weg nach oben, den ich nehmen muss.
An einer Lichtung treffe ich wieder mit dem Rest der Gruppe zusammen und wir laufen gemeinsam, bis wir auf eine kleine Oase treffen. Dort steht wie von Zauberhand ein Tisch mit Obst, Saft, Kaffee, Muffins und Keksen, das man alles gegen Spende verspeisen darf. Der frisch gepresste Saft allein ist ein Traum. So gestärkt schaffen wir auch die letzten Kilometer bis nach O Cadavo.


Dort peilen wir die Albergue San Mateo an. Ich trete ein und weiß sofort: Hier bin ich richtig.
Pinke Sitzmöbel, eine pinkfarbene Küche und Bilder in pink gehalten an der Wand.
Wir bekommen vier Betten im Schlafsaal und sind froh, dass wir nach fast 26 Kilometern unsere Beine mal ablegen können. Im Traum höre ich die Wasser in die Tiefe rauschen.
