Muskelkater ist unser geringstes Problem, als wir am Morgen in der Albuerge in Grandas de Salime aufwachen. Alle Pilger haben sich schon im Gemeinschaftsraum versammelt. Es wird diskutiert und die Sorgenfalten in den wettergegerbten Gesichtern scheinen sich mit jeder Minute tiefer einzugraben. Ich verstehe die allgemeine Aufregung nicht und lausche, um die Ursache der Debatten auszumachen. Es dringen Worte an mein Ohr, die ich mit „viel Wind“, „viel Regen“ übersetze. „No caminamos (wir laufen nicht)“, sagt einer und greift zu seinem Telefon. Wind und Regen, wo ist das Problem? Das hatten wir doch die ganze Zeit schon. Eine Deutsche erklärt uns, dass die Ausläufer des Hurrikans Kirk Orkanböen über die Region schicken und viele sich entschieden hätten, nicht zu laufen. Tatsächlich. Kurze Zeit später hält ein Großraumtaxi vor der Herberge und die Pilger samt ihrer Rucksäcke verschwinden darin.

Wir beraten, was zu tun ist. „Lasst es uns versuchen“, schlage ich vor. Nass waren wir auch vorher schon. Wir beschließen, die nächsten 6 Kilometer bis Castro zu laufen und dann neu zu überlegen.

Wir konnten nicht ahnen, dass wir Castro nie erreichen sollten.

Zunächst läuft es noch ganz gut aus dem Ort hinaus. Zwar führte uns Tomegrino erst in die Irre, aber aufmerksame Spanier lassen das nicht zu und schicken uns auf den richtigen Weg.

Es geht eine Anhöhe hinauf, als heftiger Regen einsetzt und wir, wieder in unsere Flatterponchos gehüllt, uns trotzig gegen den Wind stemmen. Das Wasser sucht sich seinen Weg, es rinnt den Nacken hinunter und füllt die Schuhe. Tapfer marschieren wir weiter. Kurzfristig scheint es, als ließe der Regen etwas nach. Doch dann setzt ein Heulen ein, das ich vorher noch nie gehört habe. Sturmartige Winde rollen auf uns zu und stellen sich uns entgegen, eine ganze Wasserfront begleitet sie. Der Regen ist so dicht, dass man kaum zwei Meter schauen kann. Wir versuchen, nah beieinander zu bleiben, immer den vorderen Rucksack im Visier. Nach drei Kilometern retten wir uns in ein Bushaltestellenhäuschen. Es schützt uns nur mäßig vor dem Regen, aber wir können uns wieder verstehen.

Was machen wir?

Ein Sturm von diesem Ausmaß hatten wir nicht erwartet. Ich schaue besorgt auf die Überlandleitungen, an denen der Wind wütend zerrt. „Wie weit ist es noch bis Castro?“, frage ich. „Drei Kilometer“, antwortet Tomegrino. „Das wird schwer, aber wir haben keine Wahl.“

Wild entschlossen treten wir wieder in das Unwetter und kämpfen uns Meter für Meter voran. Die Köpfe gesenkt, im Gänsemarsch geht es eine Straße hinunter. Nach etwa einem Kilometer sehen wir eine Bar. Die Fensterscheiben sind so beschlagen, dass wir nur undeutlich ein Licht im Inneren erkennen. Doch es ist geöffnet.

Da wird nicht lange überlegt – nichts wie rein.

„Hola Peregrinos (hallo Pilger)“, klingt es uns entgegen. Wir schauen uns um und erkennen, dass hier wohl mehrere Pilger gestrandet sind. Wir sind nicht die einzig Nassen hier und lassen uns tropfend auf Bänken und Stühlen nieder. Gegen die Kälte gibt es Kaffee.

Am Tisch neben uns tropft Caspar, ein Pilger aus den USA. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt uns, er sei schon 13 Caminos gegangen und hätte noch nie ein Taxi genommen, aber heute müsse er damit brechen. Er habe bei der Dame am Tresen ein Taxi bestellt. Auch er mache sich Sorgen wegen der Überlandleitungen und es sollen auch noch schwere Gewitter dazu kommen.

Wir sind noch unschlüssig und bestellen uns erst mal einen zweiten Kaffee. In der Ecke läuft ein Fernseher und ein aufgeregter Moderator redet mit solch einer Geschwindigkeit, dass ich gar nichts verstehe. Erst als hinter ihm die Wetterkarte eingeblendet wird und das Gebiet, in dem wir uns befinden, dunkelrot markiert ist, werde ich hellhörig. Ein Band läuft im unteren Bildschirmrand. Ich lese: Hurrikan Kirk, Windstärken von 200 km/h.

So ein Mist. Zwischen unserem Ziel „A Fonsagrada“ und uns liegen nicht nur 20 Kilometer, sondern auch die Bahn des Hurrikans. Da wir schon eine Unterkunft in „A Fonsagrada“ gebucht haben, ist umkehren auch keine Option. Wir beraten erneut und entschließen uns, auch ein Taxi zu rufen.

Das Taxi, mit dem Caspar fährt, ist schon voll, weil noch drei andere Gestrandete mitfahren. Es wird eine Weile dauern, bis unser Taxi kommt, denn sie haben jetzt Hochkonjunktur. Immer wieder müssen sie Pilger auf der Strecke einsammeln, erklärt uns die Wirtin. Die Wartezeit vertreiben wir uns mit noch mehr Kaffee, denn die Klamotten kleben uns am Leib und uns ist kalt. Irgendwann kommt unser Taxi und lädt uns ein. Was nun folgt, ist fast noch schlimmer als der Hurrikan.

Wir wissen nicht, bei welchem Selbstmordkommando der Taxifahrer seinen Führerschein gemacht hat, von Aquaplaning hat er offenbar noch nie gehört. Mit 120km/h rast er den Berg hinauf und hinab. Von der Felsseite läuft Wasser in dicken Strömen auf die Fahrbahn und mehrfach entreißt es ihm die Kontrolle über das Fahrzeug. Er jedoch drückt weiter auf‘s Gaspedal. Wahrscheinlich will er die Gunst des schlechten Wetters nutzen, um soviele Pilger wie möglich über den Pass zu fahren. Da ist er augenscheinlich zu jedem Risiko bereit. Wir krallen uns in die Polster und war uns eben noch kalt, ist das nun vorbei. Während der Höllenfahrt öffnet er immer wieder das Fenster, weil die Scheiben so beschlagen sind, dass er theoretisch gar nichts mehr sehen kann.

Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht der Ort „A Fonsagrada“ endlich auf. Er fährt uns direkt bis vor die Tür der Pension. Wir steigen mit wackeligen Knien aus, froh und dankbar, die Fahrt überstanden zu haben. Kaum ist er weg, hält ein weiteres Taxi und ein Pilger steigt aus.

Jetzt trennen mich nur noch die lästigen Formalitäten an der Rezeption von einer heißen Dusche. Die nassen Klamotten werden später in den Waschsalon getragen, wo sie eine Kurzwäsche und eine Turbotrocknung durchlaufen.

Regen und Sturm toben noch den ganzen Tag und erst gegen Abend ist der Blick aus dem Fenster nicht mehr durch eine Wasserwand verhüllt.