Berducedo hat eine Bar. Sie öffnet morgens und dort treffen sich Pilger und Bauarbeiter für viel Kaffee und ein kleines Frühstück.

Draußen ist es kalt. Der heutige Tag beinhaltet primär einen langen Abstieg zum Stausee Salime. Das Wasserkraftwerk, das sich unter der Staumauer befindet, dient der Energiegewinnung und ist eines der größten in Spanien.

Der Wetterbericht verspricht Wasserkühlung und wir beschließen, noch einen zweiten Café con leche zu trinken. Eine junge Frau kommt herein und spricht uns an. Es ist Sofie aus Tschechien, sie spricht hervorragend Deutsch, weil ihre Mutter aus Deutschland kommt. Sie erzählt uns, sie sei nicht fit, weil sie in den Ruinen der Hospitales übernachtet und sich wohl eine Erkältung eingefangen hat.

Krank sein auf dem Camino gehört wohl für alle Pilger zum schlimmsten Szenario, was man sich ausmalen kann. Besonders hier auf dem Primitivo merkt man schon die kleinsten körperlichen Einbrüche, sei es, weil man nicht genug gegessen oder zu wenig geschlafen hat.

Wir sitzen noch eine Weile, dann verabschieden wir uns, denn sie weiß noch nicht, ob und wie viel sie laufen wird.

Obwohl es heute bergab gehen soll, beginnen wir natürlich mit bergauf in eisiger Kälte. Chora trägt heute „haute couture de camino“ und hat sich ein Röckchen aus einem ihrer Aluponchos gebastelt. Ich trage „todo desde la mochila“ – alles aus dem Rucksack. Ich danke mir selbst noch mal, weil ich eine warme Steppjacke mitgenommen habe, auch wenn es nicht zu Spanien zu passen scheint.

Gegen zwölf erblicken wir erstmals den riesigen Stausee. Still ruht er zu unseren Füßen, fast wie ein Gemälde in Blau und Grün. Jetzt beginnt der dramatische Teil des Abstiegs, es ist steil und weil es natürlich mal wieder regnet, auch noch glatt. Der Stausee kommt näher, der Weg geht von Matsch in Matsch mit Geröll über. „Gleich müssen wir die Staumauer sehen, über die die Brücke auf die andere Seite führt“, verspricht Tomegrino.

Ich sehe nur immer wieder neue Seiten des Stausees, der völlig ungerührt eine Kurve längs unseres Weges vollzieht.

Die Vegetation links und rechts des Weges sieht aus wie aus einem Bilderbuch.

Wir laufen immer wieder mal bergauf, was ich ziemlich ungerecht finde. Inzwischen sind zwei Stunden vergangen und Tomegrino beschwört im 20-Minuten-Takt das baldige Auftauchen der Staumauer.

Ich habe Hunger und kann nicht mehr warten, bis diese Elendsmauer auftaucht, von der ich fast glaube, sie sei „fake news“ und es gibt sie gar nicht.

An einer flachen Stelle lassen wir uns zum Picknick nieder. Gerade ist es trocken, zumindest von oben. Der Waldboden ist feucht, riecht aber gut.

Ein Pilger eilt vorbei. „Hello Pilgrims“, lacht er und verschwindet.

Auch wir müssen weiter. Der Abstieg nimmt kein Ende. Über 900 Höhenmeter legen wir abwärts zurück. Als ich schon nicht mehr daran glaube, zeigt sich die lang erwartete Staumauer. Sie ist riesig und die ganze Szene wirkt wie eine Miniaturszene der Modelleisenbahn. Winzige Autos überqueren die Brücke.

Endlich kommen wir unten an und entdecken einen Zettel auf dem Wegweiser zum Jakobsweg. „Eure Knie sind müde, aber ihr habt den langen Abstieg überlebt“, steht da auf Englisch.

In der Tat! Dafür überleben wir nur knapp den Gang über die Brücke. Heftige Windböen kommen plötzlich auf und schieben uns mal hier-, mal dorthin.

Ich erinnere mich, dass ich heute Morgen im spanischen Fernsehen etwas über Ausläufer des Hurrikans Kirk gesehen haben. Dachte aber, es läge an meinem unvollkommenen Spanisch, da ich Spanien und Unwetter in meinem Kopf nicht verbinden wollte.

Zum Sturm kommt der Regen.

Wir retten uns in ein Café und stärken uns mit einer Dosis Koffein, bevor es weiter bergauf geht. Was wir auf der einen Seite runter gelaufen sind, müssen wir zum Teil auf der andern Seite wieder hoch. Das zieht sich hin. Der Blick auf den Stausee von der anderen Seite kann mich nur noch mäßig begeistern. Den ganzen Tag habe ich schon auf das Wasser geschaut. Jetzt bilden sich kleine Wellen, denn der aufkommende Wind treibt das Wasser in Wellen vor sich her.

Ich werde auch getrieben und zwar vom Wunsch, endlich anzukommen. Es wird immer ungemütlicher hier draußen. Wind und Regen, das ist eine Kombi, die mir gar nicht liegt. Es geht schmale Waldwege hinauf.

„Unsere Herberge liegt hinter dem Berg“, höre ich Tomegrino verkünden. Na, das war jetzt nicht nötig. Ich hatte es zwar geahnt, aber gehofft hatte ich anderes.

Wir erreichen den Ort Grandas de Salime gemeinsam mit einem Wolkenbruch. Eine kleine Runde durch die Gassen führt uns zu einer sehr simplen Herberge. Sehr simpel und gut abgelebt. Da wir als Späteintreffer ein Vierbettzimmer für uns alleine bekommen, das normalerweise wohl für Behinderte vorgesehen ist, haben wir sogar unser eigenes Bad. Wenn man uns so aus dem Zimmer krauchen sieht, würde man eine Gehbehinderung nicht ausschließen. Muskelkater vom Abstieg, der sich schon am Abend zeigt, lässt den Morgen fürchten.