Als ich aufwache, höre ich gleichmäßiges Rauschen. Es klingt nach heftigem Regen und ich will mir die Decke über den Kopf ziehen. Ich zwinge mich jedoch, aufzustehen, denn um 9 Uhr müssen wir die Herberge verlassen.
Draußen dämmert es. Ich schaue aus dem Fenster und bin verblüfft. Der Regen scheint weiter zu rauschen, aber ich sehe keine Tropfen fallen. Da fällt mir ein, dass neben dem Hostel ein wilder Fluss ins Tal hinabrauscht. Das erklärt die Geräuschkulisse und ich bin erleichtert. Unsere Wäsche hängt auf dem Ständer im Waschraum, nachdem sie noch feucht aus dem Trockner kam. Wir stellen fest, es hat sich nichts verändert, sie scheint eher noch nasser. Zwei Pilgerinnen schauen durch die geöffnete Tür: „Are the clothes dry?“ (Sind die Klamotten trocken?), fragen sie hoffnungsvoll.
Als wir verneinen, blicken sie ebenso entsetzt wie wir auf die Wäsche. Hilft alles nichts, die müssen wir jetzt nass einpacken. Nasse Wäsche wiegt mehr als trockene und es gibt heute ein paar Höhen zu erklimmen. Das stimmt uns nicht gerade optimistischer. Aber es regnet nicht, das allein sollte Grund zur Freude sein.
Ich trage Schuhe und Rucksack bis zum Kaffeeautomaten an der Eingangstür. „Are they still wet?“ ( Sind sie noch nass?), fragt mich ein Pilger und zeigt auf meine Schuhe. „Yes!“, sie sind noch nass. Warum habe ich nicht gleich die nassen Socken angezogen? Meine eben noch trockenen Socken haben die Nässe blitzschnell integriert.
Es kommen mehr Pilger aus dem Haus und ich höre, wie sie sich gegenseitig über den Nässegrad ihrer Kleidung und Schuhe informieren. „Still wet – yes – same.“
In nassen Schuhen marschieren wir los. Es erhöht zwar die Blasenbildungswahrscheinlichkeit, aber ich habe sonst nur noch Badelatschen im Gepäck. Damit wär ich schon an der ersten Anhöhe gescheitert.
Heute gilt es, einige Anhöhen zu bezwingen, und Tomegrino fragt, wieviel Wasser ich mitgenommen habe. „Ein Liter in der Flasche und weitere zwei in den Klamotten.“ Das zusätzliche Gewicht macht sich bemerkbar.
Es geht hinaus aus dem Örtchen Paladin hinein in die frisch gewaschene Natur. Die Wege sind aufgeweicht, aber die Sonne zeigt sich und es verspricht, ein warmer Tag zu werden.

Es geht weiter im gewohnten Auf und Ab. Mal geht es den Berg hinauf, dann wieder runter. Mal ist der Weg sehr steinig, mal geht es über Waldwege und gelegentlich über Asphalt. Immer wieder wird man mit atemraubenden Ausblicken ins Tal und auf die gegenüberliegenden Höhen belohnt. Ich muss mich schon zwingen, nicht alle fünfzig Meter überwältigt stehen zu bleiben, um ein Foto zu machen.
Am Ende des Tages hätte ich vermutlich viele Fotos, aber kein Bett und auch keine Freunde mehr.

Das heutige Ziel ist das Kloster „Monasterio de San Salvador de Cornellana“. Da will ich ankommen, bevor die Klosterpforte schließt. Zuvor passieren wir den Ort Grado, wo wir uns ein spätes, aber englisches Frühstück, bestehend aus vielen Eiern, gönnen. Die Leute laufen vorbei und ich frage mich, was sie wohl denken, wenn die Pilger hier mit ihren Rucksäcken durchmarschieren.
Hinter Grado geht es wieder steil bergauf zum Örtchen Doriga mit der Kirche Santa Eulalia aus dem 12. Jahrhundert. Es gibt einen schmalen Gang am neoklassizistischen Gebäude und dann schaut man direkt auf die nächste Anhöhe und auf Glen, den Briten aus unserer Herberge. Erste Frage: Are your shoes dry? (ob die Schuhe trocken sind). Nein, natürlich laufen alle mit nassen Schuhen, aber ich hatte es schon fast vergessen. Dann stürmt er davon, denn er möchte heute noch einige Kilometer mehr machen als wir. Das macht er bestimmt, stellen wir wenig später fest. Denn er kommt den Berg wieder runter, weil er seine Uhr in der Bar in Doriga liegen lassen hat.

Kurz vor Cornellana legen wir noch mal eine Pause ein und dehnen unsere strapazierten Gliedmaßen, bevor wir mit beschwingtem Schritt zum Kloster streben. Wir sehen es in der Ferne auftauchen, es liegt völlig ungestört seit 1000 Jahren am Rande des Jakobswegs. Wir betreten das Kloster durch das Tor, über dem der Steindruck der Bärin, die ein Kind stillt, thront. Es gibt die Legende, dass Cristina, die Tochter des Königs von Leon, sich im Wald verlief und von einer Bärin geschützt und gesäugt wurde bis zur ihrer Rettung. Cristina gründete das Kloster, in das sie sich später zurückzog. Die Herberge hat 26 Plätze in verschiedenen Räumen.



Wir bekommen einen großen Raum für uns allein, mit zwei Badezimmern, für acht Euro pro Person. Gegenüber befinden sich die Gemeinschaftsküche und die Waschküche mit Waschmaschine und Trockner. Als wir mit unseren nassen Wäschebergen rüberschleichen wollen, nimmt uns die freundliche Hospitalera die Wäsche ab und sagt, wir sollen uns setzen.
Das Klosterleben hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Mehr so ora et labora. Wir genießen eher hora de la liberaciòn.
Tomegrino und Chora gehen in den Supermarkt und besorgen Zutaten fürs Abendessen. Fleur und ich stellen anhand akustischer Eindrücke fest, dass der hyperaktive Franzose, den wir schon in der Villa Paladina wahrgenommen hatten, offenbar auch hier residiert. Überhaupt treffen wir einige Pilger hier an, die wir auch unterwegs mehrfach überholt haben.
Man tauscht sich über das Wetter aus und hofft auf trockene Schuhe am nächsten Tag.


