Der Geist des Klosters scheint in meinen Körper gefahren zu sein. Um 3:45 Uhr bin ich hellwach und könnte einen Schnellstart auf dem Jakobsweg hinlegen. Meine Mitpilger träumen allerdings noch von einem harten Winter, denn sie sägen viel Holz.

In Gedanken lasse ich die letzten Tage Revue passieren.

Jeder Jakobsweg ist anders. Die letzten zwei Jahre waren wir auf dem Camino Frances unterwegs – von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela. Man sagt, der Weg findet Dich. Der Camino Frances hat viele Pilger gefunden, während der Camino Primitivo hier eine handverlesene Pilgerschar der besonderen Art anzuziehen scheint.

Zwei davon brechen sehr früh auf. Sie müssen beim Verlassen des Klosters durch unseren Raum, den sie rücksichtsvoll mit dem Rotlicht ihrer Stirnlampen erleuchten. Ich sehe nur zwei rote Punkte zur Tür eilen, weiß aber, dass sie am Kopf von zwei Südamerikanern befestigt sind. Sie saßen gestern mit uns draußen und ich habe ihr Spanisch deutlich besser verstanden als das der Spanier. Sie reden einfach langsamer, dafür laufen sie extrem schnell. Verblüffend schnell für zwei untersetzte Männer fortgeschrittenen Alters. Wir überholen sie immer wieder, wenn sie sich eine Pause inklusive Lungenbrötchen gönnen. Trotz der vielen Rauchopfer marschieren sie den Berg hoch, als wäre es ein Sonntagsspaziergang.

Irgendwann geht die Sonne auf, da sind die beiden vermutlich schon im nächsten Ort. Der hyperaktive Franzose ist auch schon wach. Sein schalllendes Lachen durchdringt die klösterliche Stille. Monsieur scheint sich in Richtung Küche zu bewegen. Chora folgt wenig später, um uns ein Frühstücksomelett zu bereiten, frisches Obst und Gemüse wird dazu gereicht. Ich denke, dass ich dem Klosterleben durchaus was abgewinnen kann.

Eric, der Franzose, hämmert wie wild in die Tasten seines Laptops, dabei bewegt er seinen Kopf, als würde er eine Symphonie komponieren. Offenbar hört er tatsächlich Musik, wie die Knöpfe in seinem Ohr vermuten lassen. Multitasking, denn im Takt erscheinen Zahlen in seiner Exceltabelle, verbunden mit Ortsnamen, die bekannt klingen. Was macht er da?

Hin und wieder springt er auf und raucht vor der Tür hektisch gefühlt zwei Packungen Zigaretten weg.

Dann kommt er wieder rein und will, dass wir die Anzahl der Pilgerunterkünfte zwischen hier und einem Ort in Frankreich raten. Für mich scheint jede Zahl möglich zwischen 200 und 2000. Tatsächlich sind es fast 700 und offenbar hat er sie alle in seiner Exceltabelle erfasst.

Grandios, aber warum?

Er empfiehlt mir eine App namens „Gronze Maps“, auf der alle Pilgerwege mit allen Orten auf den Wegen sowie vorhandenen Übernachtungsmöglichkeiten zu finden sind.

Schwups ist sie auf meinem Handy und wird mir noch gute Dienste leisten.

Wir packen ein. Unser heutiges Ziel ist La Espina und wir haben noch keine Betten. Dieser Umstand treibt Chora eine Sorgenfalte auf die Stirn und beschleunigt ihren Schritt. Es geht um das Kloster herum nach oben, wobei sich ein wunderbarer Blick auf die gesamte Klosteranlage bietet.

Bald geht es in den Wald steil bergan. Die Berge um uns herum tragen Nebelschleier, die Luft ist frisch und sauber. Wir passieren Fuentes und Puentes (Brunnen und Brücken).

Bis wir das Städtchen Salas erreichen, wo man sich offenbar auf ein Fest vorbereitet. Überall wird dekoriert und geschmückt.

Salas wird auch „Tor zum Westen“ genannt und war schon immer ein Durchgangsort für Pilger. Interessant ist die Indiano Architektur, die reich gewordene „Indianos“ von der Erschließung Amerikas mitbrachten.

Für Chora allerdings ist besonders interessant, dass hier die Carajitos del Profesor, die berühmten Mandelkekse der Stadt, herkommen. Das Wort Carajos stammt ebenfalls von den Südamerika Rückkehrern und bedeutet soviel wie: „Gib mir von dem Scheiß da“ – womit wohl eine Forderung nach Herausgabe jener Kekse gemeint war.

Lange können wir uns nicht aufhalten, es reicht aber für ein Pilgermahl und Chora schafft es, sich mit Mandelgebäck einzudecken.

Hinter Salas folgen zahlreiche steile Anstiege. Immer wenn man denkt, man hätte es geschafft, tut sich eine neue Wand auf. Die Wege sind steinig und uneben, mal schmal, mal breit. Besonders heftig wird es kurz vor La Espina und es gibt einen Spruch, der besagt: „Wenn das der Stachel (la espina) ist, wie ist dann erst der Stock (el palo)“, damit ist der Anstieg zum Puerto Palo gemeint.

Wir kommen von rechts unten und wollen nach links oben

Darüber machen wir uns jedoch noch keine Gedanken. In einer Pause probiere ich Choras Kekse, die sie mit uns teilt, und checke dabei die Anzahl der Unterkünfte im Ort mit meiner neuen App. Meine Wahl fällt auf die Albergue el Texu, denn sie verspricht „almost pilgrims heaven“ (beinahe der Pilgerhimmel). Das unglaublich leckere Mandelgebäck entführt mich kurzfristig schon auf einen Abstecher in den Pilgerhimmel. Ich verstehe, warum dieser „Scheiß“ so begehrt ist.

carajitos del profesor

Bald nähern wir uns der Herberge und ich frage, ob noch vier Betten im Himmel frei sind. Wir haben Glück. Die Herberge wird von einem jungen niederländischen Paar geführt, das mit Kind und Oma hier wohnt. Sie haben die Herberge erst vor 4 Tagen eröffnet und sich damit einen Traum erfüllt, erzählen sie. Es ist fast so, als teile man ihr Heim mit ihnen, denn die Küche und ihre Privaträume liegen auf demselben Flur wie die drei Pilgerzimmer.

Auch hier bekommen wir wieder ein Zimmer für uns allein, mit drei Etagenbetten.

Ich lasse mich müde auf die Matratze fallen, meine Nacht war kurz und die Anstiege steil. Kaum schließe ich die Augen, scheint mich mein Traum wieder ins Kloster zu führen, denn ich höre das Lachen des Hyperfranzosen Eric.

„Rate mal, wer auch hier ist?“, fragt Fleur in meinen Traum hinein. Doch es war kein Traum.

Beim Abendessen am Pilgertisch erfahren wir, dass der Franzose Koch in Paris war und zukünftig eine eigene Pilgerherberge eröffnen will. Seine Lebensgefährtin kommt kaum zu Wort und verbringt die Zeit mit regelmäßigen Gängen vor die Tür, wo sie wohl versucht, den Rauchrekord von Eric zu brechen.

Ebenfalls am Tisch sitzt ein kanadischer Astrophysiker, der mit Tomegrino und Chora über die Weiten des Weltalls fachsimpelt.

Ich ziehe mich bald zurück, denn mein Körper möchte liegen.

Ein Pilgerstein ist nicht wie der andere