Wie mehrfach bereits erwähnt, läuft man so vor sich hin, insgesamt werden es grob überschlagen  2300 Kilometer sein, die ich gelaufen bin. Das beinhaltet den Start in Millingen am Rijn in Holland, die vielen Touren durch Deutschland, durch die Eifel, den Moselsteig, ein Teil von Frankreich, die Hälfte von Spanien- alles per Pedes. Dazu kommt die Hälfte von Portugal mit dem Mountainbike. Einschließlich alternativer Routen in der Coronazeit. Während der letzten Kilometer springen meine Gedanken hin und her, was hat man nicht alles erlebt. Unterwegs gab es alles:

viel Wetter, viele Auf – und Abstiege, viel und wenig Essen, gute und schlechte Betten, viel Landschaft und viel Stadt, viel Freude und viele Entbehrungen, Verbindendes und Trennendes, viele Menschen, darunter sehr nette und weniger nette, gute und schlechte Tage…

Und dann ist man plötzlich am Ziel, zumindest nahe dran. Wir nähern uns dem Monto Gozo. Dem Berg des Glücks. Es wird der letzte Anstieg sein. Ein komisches Gefühl.  

Ich habe von allem genug – und möchte sofort wieder los.

19 Unterkünfte, einige davon traumhaft, andere bescheiden, ein bis zwei mit kleinen Untermietern.

Viele Menschen, laute und leise, darunter einmalige Begegnungen.

Viele Verkehrsmittel: Auto, Flugzeug, Bus, Taxi und Zug, einige davon vollkommen ungeplant.

In dieser Pilgerreise ganz hervorragendes, wenn auch für die Jahreszeit ungewöhnlich heißes Wetter.

Heute hätten Oleander und ich weiter laufen können, aber unser Vorhaben besteht darin, mit einer gewissen Frische in Santiago einzulaufen. Wir kommen am Monto Gozo an. Ich bin in Gedanken versunken …Dann erblicke ich die Kathedrale. Mein Gott, wir sind ganz in der Nähe vom Ziel. Diesen Moment teile ich mit meiner Familie und sende ein Foto nach Hause. Wie viele vor mir haben hier am Gipfel gestanden und eine Mischung verschiedener Emotionen verspürt. Erleichterung darüber, es geschafft zu haben, eine gewisse Trauer darüber, am Ende einer langen Reise zu stehen.*

Noch Stunden hätte ich diesen einmaligen Blick und die Weite genießen können. Dafür bleibt aber keine Zeit. Froggy ist zu Besuch und wie soll es anders sein, Peter Camino entdeckt uns als erstes in der Höhe des Partyareals. Die Unterkunft am Monte Gozo ist eine Stadt mit Reihenunterkünften, nummeriert von A-Z. Keine Ahnung, wie viele Betten hier zur Verfügung stehen. In der Mitte der Pilgerstadt befindet sich ein Zentrum mit einer Riesendisco, mehreren  Restaurants, Spielplätzen und ein Shoppingcenter…ich möchte nicht wissen, was hier in der Saison abgeht.*

Zusammen mit Brett, ein Freund von ihm, wird es ein zugegebenermaßen feuchtfröhlicher Abschied. Die Stimmung ist einzigartig, wir sind ausgelassen und witzig. Vielleicht teilen wir unbewusst die gemischte Gefühlslage am Ende der Reise. Brett ist Coach von Führungskräften und hat eine sehr ruhige und angenehme Ausstrahlung. Peter könnt ihr bereits einschätzen. Aber jeder schöne Abend geht zu Ende, so auch dieser. Irgendwann verabschieden wir uns.

Es ist schon spät. Bei unserer Unterkunft angekommen, begeben wir uns möglichst unauffällig in unsere Betten. Oleander ist die Hüterin der „goldenen“ Zugangskarte und öffnet leise die Türe. Irgendwann ereilt mich ein menschliches Bedürfnis. Ich stehe auf, verlasse den Raum und laufe den Flur entlang zum Klöchen. Dann wieder zurück. Die Türe ist zu. Maldito! Irgendetwas ist schief gelaufen. Ich überlege, ob es angemessen ist, 7 Mitschläfer zu wecken. Zunächst nehme ich davon Abstand. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist. Dann blicke ich auf den Flur im hellen Neonlicht. Gemütlich geht anders. Ich lasse mich langsam an der Wand heruntergleiten und bin in der Hocke. Ich rechne mir aus, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass einer von sieben Pilgerfreunden austreten wird. Die Rezeption ist nicht besetzt. Es wird kalt…nach einiger Zeit fasse ich mir ein Herz und klopfe…Oleander öffnet mir. Ich bin ihr so dankbar.

Die “goldene“ Zugangskarte und ich werden auch weiterhin keine Freunde sein. Als wir am nächsten Tag auschecken, fragt Oleander mich nach der Karte. Äh, ich hatte sie doch noch gerade in der Hand…Verflixt nochmal, wo ist sie denn jetzt wieder? Auf der Suche nach ihr laufe ich die ganzen Reihenunterkünfte wieder zurück. Ich möchte im Zimmer nachschauen, aber die Türe ist zu. Da hilft jetzt mal gar nix. Zu ist zu. Maldito! Ich nötige eine Reinigungskraft, mir die Türe zu öffnen. Das Korpus Delicti liegt auf dem Bett. Zu meiner Verteidigung sei angemerkt, die Karte war weiß, die Bettwäsche auch.

Wir legen unsere Rucksäcke an und laufen los. Zum zweiten Mal nähere ich mich Santiago.* Der Einmarsch ist für mich wieder etwas Besonderes. Einige Menschen applaudieren, anscheinend sehen sie uns die Freude und die Erschöpfung an. Andere rufen dir nach: „You did it.“ Angesichts der vielen Pilger, die in Compostela einfallen, finde ich diese Anteilnahme außergewöhnlich und bin gerührt. Die Ankunft am Platz des Obradoira ist erneut erhebend. Oleander und ich werfen ein letztes Mal unsere Rucksäcke ab und lassen uns in heldenhafter Pose fotografieren. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin  so klug als wie zuvor.*

*Ich habe ja genügend Lücken, die noch geschlossen werden können. Und es gibt weltweit noch so viele nicht begangene Pilgerwege.

*Neben Party 24/7 gibt es auch spezielle Angebote für bedingt Abenteuerlustige. Man  kann z. B. die Tour „Fühlen wie ein Pilger“ buchen. Dabei handelt es sich um einen organisierten Pilgertag.  Man läuft die letzten Kilometer vom Monte Gozo nach Santiago de Compostela. Für das richtige Pilgerfeeling gibt es einen Rucksack und bei Bedarf auch Wanderstöcke. Ein Guide begleitet den Tag und am Abend erhält jeder ein Pilgerdiplom. Sachen gibt es…

* Im letzten Jahr war ich mit meiner Schwester Zaphira unterwegs. Pünktlich zu unserem Geburtstag sind wir in Compostela angekommen und haben dort zwei Tage genossen.

* Im Verlauf des Tages laufen auch unsere Freunde ein, es wird Gruppenfotos in verschiedenen Konstellationen geben. Ich freue mich darauf, bald meine Familie zu umarmen. Das Zitat von Johann Wolfgang von Goethe zielt darauf ab, trotz vielfältiger Studien und Erfahrungen unter Umständen nicht klüger geworden zu sein. Einiges in mir wird nachwirken. Ich habe Vieles gelernt.