In Santiago de Compostela laufe ich mit den gepflegtesten Füßen überhaupt ein, keine Blessuren, alles ist okay. Die Tipps verdanke ich Barbara, die ihre Schuhe immer eine Nummer größer trägt und sich mit Füßen überhaupt sehr gut auskennt. Ihre Socken bezieht sie von einer bestimmten Firma, sie hat sich eigens bei der Inhaberin von der Qualität dieser Socke überzeugt.

Auch ich trage spezielle Pilgersocken, auf die ich von Juan Carlos angesprochen werde*. Wir lächeln uns an, er trägt die gleichen. Meine Socken waren ein Geschenk der Pelerins. Juan Carlos und seine liebreizende Frau treffen wir auf dem Camino immer wieder. Die Gespräche sind leicht und bereiten Freude. Das Ehepaar ist aus Schottland und lebt in der Nähe von Glasgow. Sie haben so eine sympathische Ausstrahlung. An mehreren Tagen überholen wir uns in wechselseitiger Konstellation. Er fragt: „Seid ihr etwa mit einer Zeitmaschine unterwegs?“. Das gilt auch andersherum, wir schmunzeln. Man weiß nie genau, ob und wann man sich auf dem Weg wieder begegnet. Eines Tages ist es soweit. Der Abschied naht. Sie erzählen uns, dass sie Morgen nach Hause fahren werden. Wir sind traurig. Einige Zeit später sitzen wir im Restaurant. Da trifft dich doch der Blitz, ein uns bekanntes Ehepaar kommt auf uns zu, nimmt uns in den Arm und wir genießen verdutzt das Gefühl von Nähe.*

In der Meseta treffen wir auf einen Japaner. Sehr jung und zum ersten Mal auf dem Camino. An einer Bank verarztet er seine Füße. Das sieht schlimm aus. Jeder Zeh ist getapt. Ferse und Sporn leuchten in allen Farben. Wir vernehmen ein Stöhnen: „Jessas“ . Weitere undeutlich artikulierte Laute verlassen in purer Verzweiflung seine Kehle. Die Steigerung lautet „Halleluja! Ich spreche ihn an. Dass es mit seinen Füßen wirklich nicht gut aussieht und ob er nicht ein paar Tage Pause machen möchte. Vielleicht, so meine Gedanken, kann er die Erfahrung im Nachhinein positiv bewerten. Das scheint eine Fehleinschätzung zu sein. Er wiederholt: „Halleluja! Alt wie ein Baum möchte ich werden. Das ist mein erster Camino und der letzte- Halleluja!“
Wie viele Worte kann man aus „Daumen“ bilden? *Damit habe ich mich in der Meseta beschäftigt. Mir erschien es wichtig, mich zu fokussieren. In der Literatur hat man bereits Vieles über die Entsagungen gelesen, die insbesondere dieser Abschnitt mit sich bringt. Tatsächlich finde ich die Wegstrecke nicht so tragisch, aber das liegt wahrscheinlich an den gemäßigten Temperaturen. Mich schafft eher die Wegstrecke, die länger ist als geplant. Da wir uns mit der Route um 5 Kilometer vertan haben, scheint die Meseta kein Ende zu nehmen. Hoffnungsvoll entdecke ich mitten in der Pampas ein Hinweisschild auf ein Pilgercafè. Meine Motivation erlangt ungeahnte Höhen. Von weitem nehme ich einen Container wahr, aber auch Schließgeräusche. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Wir kommen näher. Ein garstiger Kerl ist dabei, die letzten Plastikstühle zu verstauen und schließt vor unseren Augen den Container ab und rauscht mit seinem Mercedes davon. Maldito!
Da man nie weiß, wann und ob man sich unterwegs wieder trifft, ist die Konversation mit seinen Mitpilgern oft sehr zielstrebig. Kein langes Drumherumgerede. Die üblichen Fragen lauten: „Von wo kommst Du?“, „Wann bist Du gestartet?“, „Bis wohin läufst Du?“, „Was hat Dich auf den Weg gebracht?“.
Schneckchen treffen wir auch immer wieder. Auch sie ist getapt. Beide Knie und auch die Zehen. Aus ihrem großen Rucksack lugt ein großes gelbes Kuscheltier, Schulze ist sein Name. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist schon seit Wochen unterwegs und ist vom St. Jean Pied de Port aus gestartet. Ihre Wanderstöcke unterstützen sie. Auch ihr Mann, der sie virtuell begleitet. Ab und an bucht er für sie eine Traumunterkunft, damit sie sich von den Strapazen erholen kann. Schulze und sie haben schon weite Teile der Welt gesehen, allerdings in einem Schneckentempo. Leider verlieren wir uns aus den Augen.

Manche Begegnungen sind einfach nur lustig. So treffe ich an der Grenze zu Galicien am Grenzstein auf einen Paradiesvogel. Er trägt bunte Shorts, ein farbiges Hemd und eine verrückte Sonnenbrille. Seine Ausstrahlung ist sehr positiv und ich spreche ihn darauf an: „I like your style!“ sage ich. Mit einem sonnigen Grinsen erwidert er: „It is not the fashionweek?“ An diesem Tag leuchtet er uns mit seinem auffälligen Outfit den weiteren Weg.

Andere motivieren dich, den Weg weiter zu gehen. An einem Tag mit ständigen Auf- und Abstiegen begegnet mir immer wieder ein junger Franzose. Anscheinend kann er kein Wort englisch, auch kein Wort spanisch….Aber mit einem sehr offenen Blick und einem aufmunternden Lächeln gibt er mir das Gefühl, alles richtig zu machen. Am Ende des mühevollen Tages wählen wir die gleiche Unterkunft. Da überrascht er mich mit den Worten: „You made a good job!“

Eine ständige Weggefährtin ist Barbara. Seit ich sie in Cacabelos kennengelernt habe, begegne ich ihr immer wieder. Damals saß sie in einer netten Runde in meiner Nähe und ich spürte sofort, dass sie eine gewisse Expertise mit sich bringt. Ihr Englisch ist ausgezeichnet, auf alle Fälle im Vergleich zu meinem Gestammel. Häufig hat sie unterwegs gedolmetscht. An ihrer Seite war man den anderen immer einen Schritt voraus.

Da sie schon mal den Camino bewältigt hat, kennt sie so manche Pilgergeschichte. Sie berichtet humorvoll von Weggefährten, gibt Tipps zu Restaurants und Pilgerunterkünften. Bewundernswert ist auch ihre Kraft. Trotz orthopädischer Widrigkeiten läuft sie den Camino unermüdlich. Am Abend tauscht sie ihre Pilgerkleidung gegen einen Rock ein. Dieser steht ihr gut. Jeder, der mich kennt, weiß, wie sehr ich ein gepflegtes Pilgerkleid am Abend schätze und auch Swimmingpools.*

Was lerne ich daraus? Manchmal kommt es viel besser als gedacht- enjoy the moment!
* Juan Carlos ist natürlich nicht sein richtiger Name, wie alle anderen Namen auch. Aber es ist nahe dran.
* Tatsächlich werden Oleander und ich die Schottländer überraschenderweise noch einmal sehen. Da der Bus ausgefallen ist, mit welchem sie fahren wollten, laufen sie noch einen Tag. Als wir sie mit einem Auge auf dem Camino wahrnehmen, glauben wir an eine Erscheinung. Leider versäumen wir, unsere Kontaktdaten auszutauschen.
* Ich komme auf 16 Worte, wer bietet mehr?
* Am Grenzstein lege ich auch „meinen Stein“ ab, da ich coronabedingt Poferrada nicht erlebt habe.
* Danke Barbara für diesen wundervollen Tipp. Wir haben die Traumunterkunft sehr genossen.
