PAUSE- ich sitze am Wegesrand und zähle die Pilger, die an mir vorüber ziehen. Es sind 68 in 20 Minuten. Ich beschließe, mich  jetzt auf meine Füße zu konzentrieren und nicht mehr zu zählen.  Einige grüßen uns herzlich, andere ziehen an uns vorbei. In Anbetracht des hohen Pilgeraufkommens hört man den vertrauten Gruß: „Buon Camino“ nur noch selten. Schade eigentlich, denke ich.

Die Leute haben keine Zeit, Mountainbiker rasen mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit an einem vorbei. Da muss man sehr schnell reagieren und zum Wegesrand springen.* Das hohe Verkehrsaufkommen hängt damit zusammen, dass sich in Sarria die Pilgerwege kreuzen. Überdies sind es die letzten 100 Kilometer bis nach Santiago. Wenn man diese per Pedes und nachweislichen Pilgerstempeln bewältigt, hat man das Anrecht auf die offizielle Pilgerurkunde und bekommt vom Oficina de Acogida al Peregrino  sein hartes Dasein als geprüfter Pilger offiziell bestätigt. Das weckt Begierden.

Mir fällt auf, dass diejenigen, die mit voller Montur laufen, also schweres Marschgepäck mit Pilgerausstattung, seltener werden. Viele wählen – ich möchte es mal so bezeichnen, den  „Pilgerway Light“ . Sie tragen einen zackig kleinen Rucksack mit maximal 1,3 kg. Die Frisur sitzt und die Kleidung auch. Ich frage mich, wie sie das machen und entdecke am Abend das Geheimnis. Es gibt einen Mochila -Service. Das heißt, Du buchst für die nächste Etappe den Weitertransport deines Gepäcks bis zur nächsten Station und so weiter und so weiter. Mit vier Euro bist du dabei… Echt ein Schnapper. Manchmal bin ich auch etwas naiv.

Weiterhin sehe ich immer mehr Taxis. Anscheinend machen die gute Geschäfte. Zunächst verstehe ich nicht, wovon die Taxis in dieser Gegend leben. Und dann komme ich auch hinter dieses  Geheimnis. In O Cebreiro werde ich Zeugin einer durchaus üblichen Vorgehensweise. Man lässt sich mit dem Taxi bis zum Gipfel des Berges bringen und beginnt die Etappe mit dem Abstieg.

Nicht, das man mich falsch versteht. Gerade ich hatte in den Anfängen den größten Respekt vor Anstiegen. Aber heute möchte ich das unvergleichliche Gefühl nicht missen, das entsteht, wenn man den inneren Schweinehund überwindet. Ich stehe auf dem Gipfel mit Blick auf die Täler und finde mich nach einer schier unmenschlichen Anstrengung einfach genial. Hape soll schon damals das Taxi und die ein oder andere Hotelübernachtung gebucht haben. Ich unterstelle ihm hier natürlich gar nichts. Deswegen möchte ich mich gerne mit ihm unterhalten, jetzt, wo er wieder im Geschäft ist, hoffe ich auf eine Begegnung.*

Was hat sich noch so geändert? ALLE buchen online die nächste Übernachtung. Wer zu spät kommt, den bestraft bekannterweise das Leben. Dann gibt es keine Betten mehr. Da die Angaben im Netz nur semi verlässlich sind, bucht man eine Black Box. Im Ergebnis zieht man unter Umständen an einer Traumunterkunft vorbei, um am Abend in eine Pilgerverwahranstalt einzuziehen. Die Unterkünfte passen sich dem zunehmenden Pilgeraufkommen an. Die Schlafsäle werden größer und in manchen soll man sogar mit Navi seine Schlafkabine nur mit Mühe finden.

Einige Pilger nehmen Rücksicht und gestalten ihren Ein- und Auszug würdevoll, andere wiederum blenden ihre Mitmenschen aus. In Sarria treffe ich auf ein männliches Wesen, welches grußlos auf dem oberen Bett steht oder hüpft, ich weiß es nicht so genau- und seine Sachen krempelt. Das geht stundenlang so. Auf Ansprache reagiert er nicht. Dort habe ich gelernt, mein Bett zu privatisieren. Weiterhin habe ich gelernt, wirklich gute Ohrstöpsel mitzunehmen.

Gut, ich laufe mal wieder vor mich hin. Es ist früher Morgen und noch dunkel. Ein wenig befürchte ich, den Weg nicht zu finden. Aber das ist ganz bestimmt nicht mein Problem. Ich teile den Weg  mit den 68 Pilgern, die sich am frühen Morgen auf den Weg gemacht haben. Jeder leuchtet mit der Taschenlampe den Weg und ist in seiner Bubble- hat auch etwas!

Nach einigen Kilometern okkupiert die Pilgerschar das erste Cafè. Ganze Kegelclubs sind unterwegs, die an lautem Gesang und mitgeführter Hupe zu erkennen sind. Auch ein einheitliches Outfit weist Pilgerreisegruppen aus. Die Abfertigung ist professionalisiert. Auf Bildern sieht man die Angebote, z. B. ein kleines Frühstück mit Orangensaft, Café con Leche und ein Panini. Wer es mag kann auch Ei in verschiedenen Varianten dazu bestellen und vieles andere mehr. Die Preise stehen daneben, alles geht fix. Zur verkehrten Uhrzeit findet man auch in einer Albergue mit 300 Plätzen keinen freien Platz und steht Schlange vor dem Toilettenhäuschen.

Um noch eine spirituelle Erfahrung zu machen, überlege ich, atypisch zu laufen, also später starten und später ankommen. Das bringt unter Umständen eine gewisse Irritation mit sich, weil man sich fragt, wo alle anderen nur geblieben sind. Dennoch ist die Gefahr, sich zu verlaufen sehr gering. In Spanien sind die Pilgerwege eindeutig ausgezeichnet. Und falls das mal nicht der Fall sein sollte, übernimmt der nicht nachlassende Pilgerstrom die Führung. Verlaufen ist unmöglich.

Don Elias Valiña Sanpedro hat ab 1984 damit begonnen, die alten Pilgerwege neu zu entdecken und mit gelben Pfeilen zu versehen.  Ich habe größten Respekt vor seiner Lebensleistung: die gelben Pfeile sind heute eine Weltmarke. Übrigens wurde der Erfinder der gelben Pfeile in O Cebreiro beerdigt.

Was ist meine Lernerkenntnis: Nehme das Leben , so wie es kommt! Und auch wenn es Dir im Moment nicht gefällt, es könnte immer schlimmer kommen.

* Da ich im letzten Jahr auch zu den Mountainbikern gezählt habe, möchte ich mich  nicht beschweren. Das war in meinem Soloprojekt in Portugal. Allerdings waren wir nicht annähernd so schnell, wie diese Todesmutigen. Die Geschichten von Koshi und Zaphira werden demnächst veröffentlicht.

*Hape Kerkeling hat in 2006 erstmalig das Buch „Ich bin dann mal weg“ veröffentlicht. Nach einem totalen Zusammenbruch auf der Bühne ist er den Jakobsweg gelaufen und hat damit einen Trend ausgelöst, der bis heute anhält.