„Wir sind 440 Kilometer gelaufen“, stelle ich heute, am Abend des 3. Oktober, fest. Chora nickt. „Das ist unfassbar“. Fleur ist ebenfalls erstaunt.

Trotz eines ungeplanten Ruhetages haben wir drei, vom Stamm der „Qualmenden Socken“, diese Kilometer fast wieder reingeholt.

In der Zwischenzeit schickt uns Froggy schon schöne Bilder aus Santiago. Weil sie gesundheitsbedingt 100 Kilometer vor dem Ziel begonnen hat, konnte sie schon einen Blick auf den rauchenden Kessel werfen. Wir freuen uns über ihr Strahlen.

Oleander und Koshi, die bis zur 200 Kilometer Marke, dort wo die Radfahrer beginnen, eine undurchsichtige Mischung aus Taxi, Bus, Zug und Laufen praktizieren, haben wir aus den Augen verloren.

Bleiben noch die drei qualmenden Sockenpaare, die einen rekordverdächtigen Endspurt einlegen müssen, damit sie einen Blick auf den ebenfalls qualmenden Kessel werfen können. Der ist uns auch wesentlich lieber als der Blick auf die Füße. Die haben ziemlich leiden müssen.

Die 440 Kilometer, die wir unseren Körpern teilweise abringen mussten, haben Spuren hinterlassen. Abschürfungen von den Rucksackgurten an den Hüften, aufgeschlagene Beine, verbrannte Schultern und Ohren.

Morgens laufen wir täglich frisch und gut gelaunt los, vermuten fast, dass wir etwas in der Herberge liegen lassen haben, so leicht sind die Rucksäcke. Die ersten zehn Kilometer sind ein Spaziergang, die zweiten zehn Kilometer bemerkt man kaum. Doch nach 25 Kilometern vermuten wir, jemand hat Steine in den Rucksack gelegt und Blei in die Schuhe.

Die letzen fünf, besonders wenn es bergauf geht, verlangen das Einstellen sämtlicher Aktivitäten, die nicht mit dem Vorwärtsgehen im Zusammenhang stehen.

Je nach Erschöpfungsgrad nervt schon mal das Geräusch der eigenen Schritte. Dafür haben wir noch keine Lösung gefunden. Laut singenden oder diskutierenden Pilgern kann man schon mal davonlaufen, den eigenen Füßen jedoch nicht.

Es sind viele Pilger auf dem Weg, besonders morgens. Es sind die letzten 100 Kilometer, die man lückenlos laufen muss, um die Urkunde zu erhalten. Viele beginnen dort.

Früh morgens beobachten wir vom Frühstückstisch aus, wie die Karawane von Taschenlampen vorbei zieht. Es erschließt sich uns immer noch nicht, dass man diese traumhaft schöne Landschaft im Dunkeln liegen lässt.

Später finden wir uns nun vermehrt als Teil des Lindwurms, der sich durch die Landschaft schlängelt.

Nachmittags sind wir dann oft wieder alleine unterwegs und treffen nur gelegentlich auf andere Pilger. Man nickt sich wissend zu. Jetzt gehört der Camino wieder uns, denen vom Stamm der „Qualmenden Socken“.