„Sind da noch Füße am Ende meiner Beine?“, frage ich Fleur, die sich gerade die schweißnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht zupft.
Der Aufstieg zum Monte Irago, dem höchsten Punkt auf dem Camino Frances, erweist sich als ziemliche Herausforderung für uns Flachländer.
Wir wollen nach Foncebadòn, ein kleiner Ort unterhalb des Cruz de Fierro auf 1425 m Höhe. Die letzten 80 Höhenmeter wollen wir bei Sonnenaufgang machen.
Der Weg ist steinig im wahrsten Sinne und führt uns gerade über schattenlose Wege bergauf. In meinem Kopf pochen die Hitze, die Anstrengung, die Gedanken und die schon zurückgelegten Kilometer.
Ich brauche Schatten und fingere nach meinem Regenschirm. Gekauft als ultraleichter Wander-Regenschirm, haben mich beim Auspacken das doch nicht unerhebliche Gewicht sowie die UV-Beschichtung irritiert. Jetzt bin ich dankbar, meinen eigenen Schatten tragen zu können.
Es geht bergab – aber das heißt gar nichts! Wenn man rauf will, birgt ein Abstieg das Versprechen auf einen weiteren Anstieg. Wir stolpern weiter. Die Vegetation wird karger und unser Wortschatz ebenso.
„Flasche“ – Fleur zeigt auf ihre Seitentasche. Ich reiche ihr das Wasser.
Hinter jeder Kurve vermutet man das Dorf, doch es lauert nur ein weiterer Anstieg. So geht es über Stunden weiter. In einem Waldstückchen von minimaler Größe haben sich rotgesichtige Pilger erschöpft in den Schatten geschmissen. Sie heben nur schlaff die Hand, als wir vorbei gehen.
Der Weg wird mal schmal, mal weit. Geröll legt sich wie Murmeln unter die Schuhsohle und ich rolle mit jedem Schritt ein Stück rückwärts.
Dann höre ich Kuhglocken, kurz darauf erscheint ein Ortsschild. „Lass es Foncebadón sein!“
Ja! Wir haben es geschafft.
Der Ort ist winzig und besteht fast nur aus Pilgerherbergen. Man sollte vermuten, dass der Ort wesentlich größer ist, als letzte Station vor dem Überqueren des Monte Irago. Schon im 11. Jahrhundert gründete der Eremit Gaucelmo hier eine Pilgerherberge und ein Hospital. Es gab eine kleine Kirche, San Salvador de Irago, die heute allerdings verfallen ist. Der ganze Ort wirkt teilweise verfallen. Bis zu den 90er Jahren war es eine Ruinenstadt, in der nach der Landflucht nur noch 2 Menschen wohnten.
Wer Paolo Coelhos Buch „Auf dem Jakobsweg“ gelesen hat, erinnert sich vielleicht an den Kampf mit dem schwarzen Hund in den Ruinen von Foncebadón.
Wir kämpfen mit unserer Erschöpfung und schleppen uns in die erste Albergue „El Convento“. Leider bekommen wir keine Betten mehr, dafür aber eine kalte Cola. Chora ist inzwischen eingetroffen und wir wandern von Herberge zu Herberge, bis wir in der letzten mit dem symbolträchtigen Namen „La Cruz de Fierro“ drei Betten in einem Schlafsaal bekommen.

Die Herberge ist sehr einfach gehalten, es gibt zwei Tische im Aufenthaltsraum, in dem in Schichten das Essen serviert wird. Eingeteilt werden die Pilger von der resoluten, aber herzlichen Herbergsmuttter, die mit ihrem Mann die Versorgung übernimmt.
Wir speisen mit zwei Koreanern: „South“ (Süd), darauf legen sie Wert und lachen. Dazu kommt noch ein Mexikaner, der schweigend unserer Unterhaltung lauscht. Das Essen ist deftig mit fettglänzenden, würzigen Patatas (Kartoffeln) und dem obligatorischen „Pollo“ (Hühnchen).
Danach geht es ab in den Schlafsaal 1 mit achtzehn weiteren Pilgern, die ich versehntlich (sorry) mehrfach in ihrer Nachtruhe störe. Aber davon in einem anderen Beitrag mehr.

Der Morgen bricht an. Die Sonne steigt über die Berge. Die kleine, drahtige Italienerin, die am Tag zuvor als persönliche Challenge 43 Kilometer gelaufen war, steht mit uns staunend auf der Terrasse. Wir beobachten den Wechsel verschiedener Rottöne am Horizont. Die ganze Gegend ist wie verzaubert im Licht der aufgehenden Sonne.
Dann machen wir uns auf den Weg, die zwei Kilometer bis zum Cruz de Fierro hinauf.

Das „Cruz de Fierro“ ist ein wichtiger und markanter Punkt auf dem Jakobsweg. Gaucelmo, der Eremit, hat im Zuge der Christianisierung einen Eichenpfahl in einen Steinhaufen gerammt, an dessen oberen Ende ein Eisenkreuz prangt. Der Steinhügel, der zuvor diese Stelle markierte, stammte aus römischer Zeit. Man häufte Steine auf zu Ehren von Merkur, dem Gott der Reisenden.
Dieser Brauch wurde von den Pilgern übernommen, sie legen mit ihrem Stein ihr Leid, ihre Sünden und alles, was sie bisher an Ballast in ihrem Herzen getragen haben, ab. Viele bunte Steine haben sich angesammelt, beschriftet mit Namen und Daten. Fotos stecken am Pfahl und zwischen den Steinen, auch wir legen unsere Steine ab. Ich sehe eine junge Frau, die aus einem kleinen Gefäß Asche auf ihren Stein schüttet und traurig, aber befreit lächelt. Sie zeigt auf das Foto einer älteren Frau. Ich vermute, es ist ihre Mutter und lächle zurück. Hier braucht es keine Worte.
Eine Weile bleiben wir und tauchen ein in die mystische Atmosphäre an diesem Morgen. Wir sind dankbar, bis hierher gekommen zu sein. Die Sonne steigt hoch und trennt das Kreuz vom Pfahl.
Wir sind am Gipfel – am Gipfel des Glücks auf dem Monte Irago.

